Wo Sagen Nebel tragen und Aussichtstürme niemals fehlen
Es gibt Orte, die atmen Geschichten. Und es gibt Orte, die hauchen dir beim ersten Schritt eine leise Ahnung ins Ohr: „Hier ist alles ein bisschen anders.“
Der Harz ist meiner Meinung nach definitiv so ein Ort: Fichten, Nebel, Brockenbahn – und dieses Gefühl, dass hinter dem nächsten Baum vielleicht doch eine Hexe Besenakrobatik übt.
Genau dorthin sind wir im Herbst aufgebrochen: meine Mutti, mein Mini-Me – und ich, die im Kopf stets Weltenbummlerin ist. Eine knappe Woche Auszeit im Dreiländereck von Niedersachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt erwartete uns. Die Basis war Schierke, ein Dorf so malerisch, dass es sich zwischen Hexenhaus und Schmalspurbahn eingerichtet hat.
Dich erwarten in diesem Beitrag Baumwipfelpfade, Sommerrodelbahnen, kulinarische Experimente, Lachen bis die Knie weich wurden und die Erkenntnis: Im Harz steht immer irgendwo ein Aussichtsturm. Wenn nicht… baut man einfach einen. Notfalls direkt auf einen Berg.
Zwischendrin lag ein ganz persönliches Ziel:
Eine alte Erinnerung an den Brocken – und der Wunsch, endlich mit ihr aufzuräumen. Klingt ein bisschen nach Abenteuer? War es auch!

Das waren unsere Highlights:
- Schlangen, Schmalspurbahnen und Schierker Zauber
- Titanische Höhen & ein Kaiser aus Stein
- Baumwipfelpfad in Bad Harzbug
- Hexentanzplatz & Harzbob Thale
- Zwischen Nebelwarten und Ländergrenzen
- Der Brocken – Wind, Eis & ein stilles Einverständnis
- … und am Ende…
Schlangen, Schmalspurbahnen und Schierker Zauber
Weil die Anfahrt verhältnismäßig kurz war, starteten wir erst gegen 11:00 Uhr – und standen natürlich trotzdem viel zu früh im Harz. Unsere Ferienwohnung „Charlotte“ konnten wir erst ab 16:00 Uhr beziehen. Wie gut, dass ich ein Bonus-Programm aus dem Ärmel zaubern konnte…
Schuppige Begegnungen
Der erste Zwischenstopp war also in Schladen: Die größte privat geführte Schlangenfarm Deutschlands – und sogar Europas liegt dort.
Hast du dich auch schon einmal gefragt, wie sich eine Schlange anfühlt?
Stell dir einfach vor, du würdest ein Lederportemonnaie streicheln, das heimlich atmet. So ungefähr hat sich „Eddi“ angefühlt. Rot-schwarz-weiß geringelt, muskulöser als erwartet und irgendwie auch überraschend kühl. Mein Sohn war begeistert. Ich war überrascht. Meine Mutti stolz, dass niemand geschrien hat.
Zu sehen gab es natürlich noch viel mehr: verschiedene (sehr große) Spinnenarten, Klapperschlangen, Kobras, Schildkröten, Fische, Heuschrecken, Skorpione. Manchmal musste man in den Terrarien ganz schön suchen, bis man die Bewohner entdecken konnte, aber es lohnte sich durchaus.
On top gab es übrigens auch Kaffee. Kostenlos. Und Popcorn. Nicht kostenlos.
Ich erwähne das bewusst, denn man soll ja schließlich wissen, welche Highlights einen neben der eigentlichen Attraktion noch erwarten.





Zwischen Brockenbahn und Hexenhaus
Mit dem Auto ging es weiter über Serpentinen, durch Wernigerode und vorbei an Wäldern, die jeden Herbstklischee-Filter schlugen.
Schließlich stehen wir in Drei Annen Hohne vor einer geschlossenen Bahnschranke. Ich wollte schon genervt sein – bis die Brockenbahn gemächlich vor uns durch den Herbst dampfte. #Instant-Harz-Magie Diese Zwangspause legt man doch gern ein.
Unsere Ferienwohnung entpuppte sich als Traum in hohen Decken: So viel Platz, dass man darin entweder Tango tanzen oder einen klassischen Hexentanz aufführen konnte – je nach Stimmungslage.
Direkt gegenüber unserer Ferienwohnung lag das Restaurant „Luis“. Natürlich hätte ich für die abendliche Reservierungsanfrage einfach rüber laufen können. Ich habe trotzdem angerufen. Urlaub bedeutet manchmal auch unnötige Wege zu vermeiden – so hat man später dafür mehr Energie.





Wir beendeten den Abend mit vollem Bauch und dem Gefühl, dass dieser Ort eine kleine Tür zu einer anderen Tür geöffnet hatte. Fichtenduft, Sagennebel eben und on top der Zuckerschock nach einem Dessert, das sich „Scheiterhaufen“ nennt.
Ganz nebenbei verwandelte sich unter Auto – irgendwo zwischen Wernigerode und Drei Annen Hohne – in einen feuerroten Besen mit Sitzheizung und begehrter Beinfreiheit. Harz-Logik eben.
Titanische Höhen & ein Kaiser aus Stein
Der Morgen begann mit einer ernstzunehmenden Herausforderung: Wer bekommt im Urlaub das Bad zu erst?
Da der Sohnemann mit der Eleganz einer hyperaktiven Amsel aus dem Bett sprang, stand das Ergebnis außer Frage. Mutti und ich genossen derweil den ersten Kaffee und die Erkenntnis: Berge sind schöner, wenn man nicht sieht wie hoch sie sind. Der Wurmberg, den wir von der Terrasse der Ferienwohnung sehen konnten, versteckte sich in tiefhängenden Wolken. Deswegen verschoben wir die Stürmung diverser Gipfel vorerst und nahmen stattdessen ein neues Ziel ins Auge: Die Titan RT – eine Hängebrücke, die sich über das Rappodetal spannt, als wolle sie den Harz einmal in der Mitte falten.

Sie ist nicht einfach nur lang. Sie ist die längste Fußgänger-Hängebrücke ihrer Art in Deutschland (und laut stolz geschwellter Werbetafel: in ganz Europa, aber gefühlt ändert sich das ja stündlich…)
Titan RT – Mut wird überschätzt, Aussicht nicht
Wir näherten uns dem Bauwerk, dass aussah wie ein Spinnfaden für Riesen.
Nach dem obligatorischen Angstpipi und dem Lösen des Tickets, atmete ich tief ein – und grinste dann verdächtig. Ich entschuldigte mich im Voraus bei meinen Mitreisenden für diesen Ausflug zur Hängeseilbrücke.

Um die Titan RT gibt es noch weit mehr Nervenkitzel: Giga Swing, Zipline, Wall Walk und den Solitair. Freiwilliger Herzstillstand, Adrenalin-Überschuss und 200% Abenteuerbudget buchbar mit Eintrittsticket direkt erlebnisfertig verpackt – Harzadrenalin hallo.
Wir entschieden uns für die klassische Variante: Ein Spaziergang über die Hängeseilbrücke und die Aussicht vom Turm. Quasi Laufen und so tun, als wäre das total entspannt.
Die Brücke schwankte. Reichlich.
Der Harz lachte uns ins Gesicht.
Die Aussicht? Zum Niederknien. Wenn man sich denn trauen würde, die Knie zu beugen.
Auf der Brücke entdeckte ich eine Sonderstempelstelle der Harzer Wandernadel. In Ermangelung eines Stempelheftes verewigte ich den Abdruck auf einem Taschentuch.




Das Kyffhäuserdenkmal: Wo Sagen aus Stein gemeißelt sind
Weil wir noch nicht genug Höhen hatten, fuhren wir weiter. Unser Ziel: das Kyffhäuserdenkmal. Dort thront Kaiser Wilhelm I. und darunter – laut der Sage – schläft Kaiser Barbossa.
Zu entdecken gibt es viel: Das Denkmal an sich mit allen Ecken und Winkeln, Türme, ehemalige Nutzbauden der ehemaligen Burg, die heute Ausstellungsräume sind – und den Turm des Denkmals selbst.
Wir verbrachten viel Zeit in den Räumen, ließen die ehrwürdige Geschichte auf uns wirken, folgten den Spuren einer Schnitzeljagd, die eigentlich für Kinder ist.






Und dann… Treppen. Wind.
Ein bisschen Niesel.
Treppen. Und noch mehr Treppen.
Oben steht in großen Lettern ein Wort, geformt aus Wolken: AUSSICHT.
Wir blickten über Thüringen, Wälder, eine Welt in Herbstfarben. Wir füllen uns ein bisschen wie Welteroberer – nur besser gelaunt. Am Abend stelle ich mit einem Augenzwinkern folgende Regeln auf:
Harz-Regel Nr. 1: Wenn es eine Treppe gibt, führt sie zu einem Turm.
Harz-Regel Nr. 2: Wenn es keinen Turm gibt, bau einen.

Zurück nach Schierke
Wieder im Auto, wieder Serpentinen. Wieder Nebel, der sich langsam um die Berge wickelte. Wir kamen an, grade als die Brockenbahn wieder schnaufend den Hang hinaufkroch. Man konnte fast spüren, wie viele Geschichten ihre Reisenden dorthin mitnahmen – und welche sie wieder mitbrachten.
Am Abend haben wir Erinnerungen sortiert und ich die erste Sehnsucht nach dem Brocken bei Seite geschoben. Dieser Berg ist für mich mehr als ein Punkt auf der Landkarte – er ist eine Einladung. Tag für Tag würde sie lauter werden. Aber Tag für Tag versteckte sich der Gipfel auch in den Wolken.
Baumwipfelpfad in Bad Harzbug
Ein Tag zwischen Baumkronen, Bremshebeln und Brauchkribbeln
Nach so viel Geschichte, Größe und Gedankentiefe am Tag zuvor, stand uns der Sinn nach etwas, das leichter war. Und Bewegter. Und ein bisschen war uns auch nach einem typischen Zuckerwattegefühl: weich, leicht, klebrig-schön. So ein Gefühl, das an der Seele hängen bleibt und für einen winzigen Moment die Zeit anhält.
Bevor es allerdings in die Baumwipfel ging, musste ich feststellen: Die Parkplätze im Harz folgen ihren eigenen magischen Gesetzmäßigkeiten. Je länger man schläft, desto schneller verschwinden diese! Wir konnten doch noch einen Platz für unseren Vierpersonenbesen ergattern – und dann ging es los in Richtung Kronendach.

Der Baumwipfelpfad in Bad Harzburg begrüßt einen schon von unten: Goldene Blätter, die wie Kirchenfenster leuchten, gefallenes Laub, das sich über die Wege legt und 1.000 Meter hölzerne Stege, die sich durch die Wipfel schlängeln.
Seit Mai 2015 kann man hier, rund 30 Meter über dem Waldboden, zwischen Eichen, Buchen und Kiefern spazieren. Die Tickets gibt es im Kurpark. Wer mag, kann mit der Seilbahn auch noch auf den Großen Burgberg fahren – wir ließen es an diesem Tag beim Spaziergang durch die Baumwipfel bewenden. Fun Fact: Der höchste Punkt des Pfades ist direkt am Anfang. Motivation mal anders.
Auf dem Weg erzählen Stationen vom Leben im Wald: von der Rinde und ihren Bewohnern, von Pilzen, die das heimliche Netzwerk der Bäume sind, und davon, wie ein Wald wieder zu sich findet. Und ja – auch hier gibt es eine grüne Box mit „Sonderstempelstelle Harzer Wandernadel“. Der Sammlerblick aktiviert sich wie von allein – und der Stempel wurde wieder auf einem Taschentuch verewigt.
Nun muss ich gestehen: Jeder Baumwipfelpfad, den ich betrete, tritt automatisch in den Prora-Vergleich. Der dortige Baumwipfelpfad liegt auf meiner persönlichen und heimlichen Rangliste immer noch auf Platz 1. Vielleicht, weil es der erste seiner Art für mich war. Bald Harzburg rangiert solide auf Platz 3 – nach dem Allgäu auf Platz 2. Aber das ist eben ganz subjektiv. Spaß hatten wir trotzdem allemal.







Wir vertrödelten mehr Zeit als notwenig da oben, ließen den Herbst in uns hineinrasseln, gönnten uns schließlich Chilli-Cheese-Pommes und fahren zurück nach Schierke. Der Tag ist noch zu jung, um ins Abendprogramm zu starten… Also weiter: Diesmal im Spürnasen-Modus.
Schnitzeljagd und Brocken Coaster
Mutti schlägt die Sommerrodelbahn als Nachmittagsbeschäftigung vor – ich kombiniere diese Aktivität mit dem Schnitzeljagdheftchen, das wir am Tag zuvor in der Tourismus-Information erstanden haben. Praktischer Weise ließ sich beides hervorragend miteinander kombinieren. Wir lösten Rätsel, liefen durch Gassen und verewigten einen weiteren Stempel auf einem Taschentuch – Improvisieren gehört zu uns wie die Hexerei zum Harz.
Trotz anfänglicher Zurückhaltung an der Sommerrodelbahn folgte nach den ersten zwei Fahrten ein wild gekichertes „nochmaaaaaaaal“, das hin und wieder auch Schmetterlinge verursacht. Nach drei Fahrten wärmte ich meine Hände kurz am Glühwein, es folgen drei weitere Fahrten. Außerdem stand der Plan für morgen fest: Es geht nach Thale.
Hexentanzplatz und Harzbob – wir kommen!




Hexentanzplatz & Harzbob Thale
Bodendrama, Besenfantasien & Bauchkribbeln
Wer im Harz unterwegs ist weiß: Hinter jeder Kurve lauert ein neues Abenteuer. Manchmal trägt es ein Kopftuch, kichert schelmisch und riecht nach Bratwurst. Obwohl wir in den letzten Tagen schon viel gesehen haben, war unser Harz-Hunger noch längst nicht gestillt. Also: raus aus Schierke, hinein in die nächste Portion Magie – in voller Dosis.

Diesmal führten uns die Serpentinen nach Thale, dorthin, wo Sagen lebendig werden, Hexen Bonbons verkaufen und man das Gefühl hat, gleich selbst auf einen Besen abheben zu können. Das Städtchen liegt am Eingang des wildromantischen Bodetals, wo sich die Felsen so nah kommen, dass man meinen könnte, sie würden miteinander tuscheln. Ich bin mir sicher: Wenn der Wind günstig steht, tun sie das auch.
Ganz oben über dem Tal liegen zwei der bekanntesten Harz-Ikonen:
Der Hexentanzplatz und auf der gegenüberliegenden Seite die Roßtrappe.
Zur Roßtrappe kann man sich gemütlich mit der Seilbahn schweben lassen – eine der vielen typischen Harz-Attraktionen. Alternativ kann man über eine der vielen Wanderwege nach oben laufen. Die Rosstrappe lassen wir aus, entschieden uns das Hexendorf und die Harzbob Thale direkt anzupeilen.
Nachdem man den großen, an diesem Tag übersichtlich gefüllten Parkplatz, hinter sich gelassen hat, öffnet sich eine neue Welt:




Ein kleines Hexendorf – halb Touristenmagnet, halb Zauberschauplatz. Zwischen Räucherdunst, Nieselregen und Souvenier-Shops begegneten uns bonbonverkaufende Hexen, ein auf dem Kopf stehendes Hexenhaus und ein Spielplatz in Übergröße. Selbstverständlich leuchtete mir auch hier die vertraute dunkelgrüne Box der Harzer Wandernadel entgegen. Gut, dass ich an diesem Tag eine frische Packung Taschentücher eingepackt hatte.
Neben dem kopfstehenden Hexenhaus erstreckt sich ein skurriler Garten: schnitzholzige Baumwesen, das hühnerbeinige Haus der Baba Jaga, überdimensionierte Besen und Wesen, bei denen man nie ganz sicher war, ob sie Ziegen oder Zwerge darstellen sollten. Ein bisschen kitschig – aber genau der charmante Kitsch, der vergessen hat, dass der Filmdreh längst vorbei ist.
Ein paar Schritte weiter liegt ein Aussichtspunkt über das Bodetal. Nebel zog zwischen den Felswänden entlang, die Farben des Herbstes flüsterten, der Nieselregen nahm die Welt ein wenig herunter – als hätte jemand absichtlich die Zeit verlangsamt.

Zu Hause erinnere ich mich: Gab es da nicht auch eine Sage?!
Ich lese nach – und stolpere über eine dramatische Verfolgungsjagd, die in einem ambitionierten Pferdesprung endet:
Die Legende von Bodo & Brunhilde
Ein Riese – in späteren Erzählungen ein Ritter – namens Bodo, jagte eine Königstochter über Thüringen bis in den Harz. Sie sprang mutig über das Bodetal, ihre goldene Krone fiel in die Tiefe und versank. Bodo stürzte hinterher und wurde in einen schwarzen Hund verwandelt, der. Bis heute die Krone im Bodekessel bewachsen muss.
Der Hufabdruck des Pferdes soll noch immer in der Roßtrappe zu sehen sein.
Geolog*innen haben folgende Erklärung: Es handelt sich um eine Verwitterungsschüssel. Ich sage: Manchmal ist ist der Mythos einfach schöner.
Wir tauchten schließlich doch noch in die Souvenier-Welt ein – es glitzerte, klimperte und hexelte an allen Ecken. Ich hielt kurz einen Miniaturbesen in der Hand. Sohnemanns Kommentar: „Mama, der sieht aus wie ein Staubwedel!“ Also wird es doch eine Schneekugel.
Unterhalb des Platzes entdecken wir noch einen kleinen Tierpark – Wildkatzen, Eulen, meckernde Ziegen und wieder ein wenig Zuckerwattegefühl: weich, leicht, klebrig-schön und so flüchtig wie ein Lachen im Wind.
Doch eigentlich sind wir aus einem ganz anderen Grund hier:
Harzbob – die Sommerrodelbahn von Thale.
Gut besucht, aber jede Minute in der Warteschlange wert. Der Einweiser am Start gab folgenden Hinweis: „Sie wollen Spaß haben – dann müssen Sie auch nicht bremsen.“
Wir hielten uns an diese Anweisung und hatten sehr viel Spaß.
Zwischen Nebelwarten und Ländergrenzen
Am Dreiländerstein – ein Plan findet sich immer
Der fünfte – und schon letzte volle Tag – begann mit einer großen Portion Unsicherheit. Nicht bei uns, wohlgemerkt. Wir hätten da schon einige Ideen gehabt. Aber das Wetter?! Das stand ziemlich ratlos zwischen den Wolken herum und schien sich nicht entscheiden zu können, ob es uns den Tag nun verregnen oder uns doch noch überraschen wollte.
Wir trafen eine Entscheidung, wenn der Himmel schon nicht weiß, wohin er will, gehen wir einfach an einem Ort, der genau weiß, wo er hingehört.
So zog es uns zum Dreiländerstein.
Mitten im Wald, zwischen hohen Stämmen und weichem Moos treffen sich hier die Grenzen von Sachsen-Anhalt, Thüringen und Niedersachsen. Ein Stein – bewegungslos, umspektakulär auf den ersten Blick – und doch so viel entschlossener als das Wetter diesen Morgen.


In unmittelbarer Nähe befindet sich eine kleine Wanderhütte, deren Stempelbox diesmal in den Farben der deutschen Flagge leuchtet. Innen drinnen wartet – wie fast immer im Harz – eine kleine Hexe darauf aufs Papier gedrückt zu werden.
Und ja: der Taschentuchkunst wurde ein weiteres Meisterwerk hinzugefügt.


Eine Weile sitzen wir noch da, im feuchten Moosduft des Waldes, und überlegen wie sich der Rest des Tages gestalten ließe.
Die Gipfel ringsum: im Nebel.
Der Brocken: verlockend, aber Aussicht gleich null.
Die Fahrkartenpreise: Stramm wie ein Bergaufstieg.
Doch der Harz wäre nicht der Harz, wenn er nicht doch noch zur rechten Zeit flüstern würde: „Na los, traut euch!“
Ein feiner Wolkenschlitz, eich Lichtstrahl – und plötzlich doch noch eine Idee mit Aussicht (auf Erfolg und einen weiteren Stempel.)
Der Wurmberg – Wolkenklettern & Turmrutschen
Wenn der Brocken also grade schlechte Laune hat (und das hat er erstaunlich oft), dann ist der Wurmberg eine solide Alternative.
Am Fuße des Berges stiegen wir in die Seilbahn, die sich ich gleichmäßigen Takt der Rollen wiegt. Unter uns zogen Wanderwege vorbei, die sich wie Gedankenfäden durch den Wald schlängelten: Mal klar, mal im Nebel verschluckt. Immer wieder tauchten Radfahrer auf, voll behelmt, voller Mut, voller Schlamm. Ein Teil von mir überlegte kurz, wie ich bei der nächsten Reise mein Fully transportieren sollte.
Oben angekommen, begrüßte uns ein Plateau aus dicken, nassen Wolken und sehr frischer Höhenluft. Weitblick? Naja. Wolken zum Anfassen haben auch ihren Charme.
Wir fanden Ziegen, die an der Baude ihr Quartier haben und doch die ein oder andere Wolkenlücke, in der man Weite erahnen konnte. Einen Steinwurf weiter strahlte die dunkelgrüne Box mit dem Stempel der Harzer Wandernadel.

Noch einen Steinwurf weiter, erhebt sich ein roter Aussichtsturm. Treppen über Treppen – oder wahlweise ein Fahrstuhl – führen nach oben. Die Wälder wirkten wie ein noch bunter Ozean, der kurz vergessen hat, wo Norden ist.
Brockenblick? Minimalistisch – aber bildschön verpackt in Dunst und Drama.
Für Kids heißt’s an diesem Aussichtsturm, der früher mal eine Skisprungschanze war: Runter gehts rutschend. Da das mit dem Alter auch eher so eine Sache der Wahrnehmung ist, rutschen auch meine Mutti und ich. Die Turmrutsche windet sich 12 flotte Meter nach unten, bevor man in die Auslaufzone gespuckt wird. Ich lachte herzhaft, wie ich da lag, wie ein Maikäfer auf dem Rücken – und noch mehr als meine Mutti unten ankam.




Bevor wir endgültig wieder ins Tal gondelten, probierten wir noch die Murmelbahn aus. So eine, bei der man Holzkullern über Hindernisse rollen lässt – und heimlich hofft, dass die eigene Kugel gewinnt, obwohl man ja schon groß ist und eigentlich über sowas steht. Theoretisch.
Der Brocken – Wind, Eis & ein stilles Einverständnis

Die Reise war noch nicht ganz vorbei – einige Punkte haben bereits ihr stolzes Häkchen auf meiner Harz-To-Do-Liste bekommen – aber: Wenn man in den Harz fährt, muss man auch auf den Brocken. Versteht sich ja von selbst, oder?!

Der letzte Tag brach kalt und vorsichtig sonnig an. Ich hatte das Gefühl: Das Warten hat sich gelohnt! Also lösten wir in Drei Annen Hohne unsere Tickets für die Brockenbahn und pünktlich um 9:57 dampfen wir los. Wahlweise mit „Eisenpfeil“, dem „Hogwarts-Express“, oder eben der Brockenbahn. Je nach phantastischer Lage im Kopf sind die Grenzen da eher unklar und individuell. Eine knappe Stunde schaufte und rumpelte sich die Bahn dem Gipfel entgegen.
Oben betraten wir ein klirrendes Frühwintermärchen. Wind und Kälte haben kleine, glitzernde Kunstwerke an Zweige und Gräser gezaubert. Die Sonne kämpfte sich langsam durch, die Eisfähnchen schmolzen und hinterließen diesen klaren, tiefen Blick in die Weite.



Wir drehten eine Runde über den Gipfel, sahen in live und in Farbe, was wir am Vortag nur über den Bildschirm in einer Dokumentation bestaunten.
Zwei weitere Stempel fanden den Weg aufs Taschentuch. In meinen kalten Fingern hielt ich einen Glühwein, der nach aufgeweichter Pappe und Abschied schmeckte, und ein wenig nach diesem Gefühl, dass der Himmel hier näher ist als anderswo.
Es war nicht meine erste Reise auf den Brocken. Schon einmal war ich hier – damals mit einem Menschen, der heute keine Rolle mehr in meinem Leben spielt, dessen Spuren mich aber eine Weile verfolgt haben. Ich habe eine Weile gebraucht, um wieder zu mir zu finden, aber – und vielleicht klingt es abgedroschen: Gehen – oder gehen lassen – tut weh. Aber es befreit auch.






Als wir wieder ins Tal fuhren und die Sonne an den Scheiben entlangglitt, fühlte es sich an, als hätte in mir drinnen jemand aufgeräumt. Ich war leichter. Und dankbar.
Für das Eis. Für die Weite. Für alles, was mich hierher und vor allem: weiter geführt hat.
Und dann doch: noch ein Höhepunkt
Vom Gipfel des Brockens sahen wir Torfhaus. Auch dieser Spot lag wie ein Schattenreich die vergangene Woche im Dunst. Also fuhren wir ein letztes Mal Richtung Schierke und nach Torfhaus – zum Harzzentrum.

Ein Aussichtsturm, 65 Meter hoch, umgeben von Herbstwald und langen Wegen. Fahrstuhl oder 304 Stufen – je nach dem wie motiviert man ist – führen zur Aussicht
Oben wartet ein Skywalk aus Glas. Wer mag kann also dem Höhenmut direkt uns Gesicht schauen und einen Blick nach unten wagen. Wem das zu wenig Nervenkitzel ist, rutscht einfach 110 Meter spiralförmig wieder nach unten.
Der Turm ist noch relativ neu – erst im November 2023 wurde er eröffnet. Der Harz baut eben nicht nur Sagen, sondern auch Zukunft.
Der Brocken thront in der Ferne. Am Tag unserer Abreise mit blauem Himmel als Ehrenkranz. Der Wald darunter leuchtet goldener, als es Worte beschreiben können. Trotz der Menschen ist es still, nur Jackenrascheln und geflüsterte Fragen: „Welcher Berg ist das?“ „Welche Stadt liegt dort?“


Der Moment fühlt sich an wie ein Komma zwischen zwei Kapiteln – unscheinbar, aber bedeutungsvoll. Dieser Urlaub war genau so richtig, wie er war: Kein Feuerwerk, sondern ein Atemzug. Und ein Blick, der etwas länger blieb als nötig.
… und am Ende…
Bevor dieser Beitrag noch länger wird als der Brocken hoch – an dieser Stelle endet nicht nur diese Reise sondern auch meine Erzählung.
Der Harz bleibt für mich wie ein gutes Buch: ein bisschen geheimnisvoll, leicht zerfleddert und voller Geschichten, die nachhallen.
Wir waren gekommen um durchzuatmen. Gefunden haben wir, wie immer, mehr als wir gesucht haben. Zwischen Nebel und Sonne, Holzwegen und Höhenmetern, Zuckerwattegefühl und zufälliger Stempeljagd. Magie ist leise. Sie liegt nicht in Zaubersprüchen, sondern im Rascheln der Bäume, im Dampf der Brockenbahn und im Lachen über das Ende von Rutschen.
Manchmal muss man gar nicht weit reisen, um ein Stück Welt zu finden, das sich nah weit weg anfühlt.
