Mit ausreichend Sicherheitsabstand

Eigentlich mag ich keine Käfer.
Und keine Menschen.

Das klingt drastischer, als es gemeint ist. Denn wie so oft steckt die Wahrheit im Nachsatz. In diesem Fall lautet er: Mit ausreichend Sicherheitsabstand sind beide vollkommen in Ordnung.

Ein Abend – sagen wir einfach, er war neulich – beinhaltete die Begegnung mit dem einen und dem anderen.
Bevor ein Tag im Abend enden kann, muss er allerdings erst einmal beginnen. Für mich begann dieser Samstag ein bisschen gebraucht. Trotz aller Unsicherheiten räumte ich einen nicht ganz unwichtigen Teil meines Hausstandes ins Auto: Wasser, Bettwäsche, Handtücher, Sonnencreme, Nahrung und Inlineskates.
Das Ziel war einfach: Ein See.
Welcher, wusste ich bis zu dem Moment nicht, als ich den Schlüssel in der Zündung umdrehte. Die Autobahn schlängelte sich durch die Landschaft, bis ich sie in der Lausitz verließ. Schließlich parkte ich Dori am Geierswalder See, schnürte meine Inliner und rollte los.


Eine Woche zuvor war ich hier schon mit meinem Longboard unterwegs. Mein Gefühl – und mein Navi – behaupteten damals hartnäckig, dass bis zum Rostigen Nagel nicht mehr allzu viel fehlen könne.
Nach einigen Kilometern wusste ich: Sie hatten recht.
Nach ungefähr 27 Kilometern wusste ich allerdings auch, dass man den Geierswalder See wunderbar umrunden könnte, wenn man die richtigen Abzweigungen nimmt – und dass ganz leichte Steigungen auf Inlinern eine ausgesprochen hinterhältige Erfindung sind. Als ich wieder bei Dori ankam, war ich vor allem eines: Glücklich.
Und ziemlich salzig. Jede Ziege hätte sich vermutlich darum gestritten, zuerst an mir zu lecken.

Ich wechselte ich den See – so selbstverständlich, wie andere Menschen ihre Socken wechseln. Zwischen ein paar Kiefern fand ich noch eine kleine Lücke, perfekt für Dori, am Bergheider See.
Es war grade gegen 18:00 Uhr und ein abendliches Bad eher eine biologische Notwendigkeit, statt einer angenehmen Erfrischung. Während ich den Klängen einer Gundermann-Revival-Band lauschte, verzehrte ich meinen Nudelsalat mit Mandarinen. (Eigentlich mag ich auch keine Mandarinen in meinem Nudelsalat, aber da ich beim Einkaufen wohl etwas geträumt hatte, hatte ich nicht allzu viele Alternativen.)
Während ich da auf meinem Campinghocker, an Dori gelehnt saß, schoben sich sehr lange Fühler in mein sehr, sehr, seh nahes Blickfeld. Ich erschrak gewaltig, als sich herausstellte, dass an den circa drei Zentimeter langen Fühlern ein noch längerer Käfer hing, der meinen Hocker und mich wohl eindeutig mit einem Baum verwechselt hatte. (Immerhin war mein Shirt grün, da kann das unter Umständen wohl passieren.)
Ich musste feststellen: je größer ein Käfer, desto hartnäckiger hält er sich an seinem vermeintlichen Baum fest. Mit etwas mehr Nachdruck ließ er sich dann doch wieder zurück auf den sandigen Boden der Tatsachen befördern.
Der Käfer war genau so verdutzt wie ich, verharrte in Stillstand. Für mich war die Neugier größer als der Ekel: Was ist das? Und: Oh, der ist sehr fotogen!

So ein Moschusbock ist ein ziemlich imposantes Exemplar. Grün-metallisch schimmernd, lange Fühler, insgesamt ungefähr so groß wie die halbe Handfläche meines schlechten Gewissens. Er war davon überzeugt, dass mein Campinghocker ein hervorragender Aussichtspunkt sei.
Wenig später war der Moschusbock verschwunden. Dieser Zustand versetzte mich doch ein wenig in Unruhe. „Was, wenn der wieder an mir hochklettert?!“ Ich begab mich auf die Suche und fand ihn unter meinem Auto, an einem zweiten Campinghocker, der dort zusammengefaltet lag. Auch diesen hielt er für ein sehr spannendes Klettergerüst.

Für mich stand fest: das ist zu viel Nähe. Ich schnappte mir den Hocker mit Käfer und erklärte ihm, dass wir offensichtliche unterschiedliche Vorstellungen von Nähe haben. Der Moschusbock war zunächst ein bisschen begriffsstutzig, empfand die zehn Meter entfernte Kiefer dann aber doch interessanter, als meinen Hocker. Während der Käfer nun also seine neue Kiefer eroberte, saß ich (wieder etwas beruhigter) am Bergheider See und schaute zur F60. (Ich recherchierte noch kurz, ob Moschusböcke Einzelgänger oder Schwarmtiere sind. Zu meiner Beruhigung: Einzelgänger.)

Das Licht hatte begonnen den Stahl goldgrün zu färben. Grillen spielten ihr Konzert. Aus einem anderen Camper lief Musik, die ich mir selbst vermutlich nie ausgesucht hätte, die aber erstaunlich gut zum Abend passte.

Der See roch metallisch.
Pyritoxidation.
Man muss die Lausitz mögen, um einen Satz wie diesen romantisch zu finden.
Ich mag ihn. Sehr sogar.
L’eau de See nenne ich den Geruch, der sich nach dem Baden auf der Haut absetzt. In der Kopfnote Eisen und eine Nuance Pyrit.

Menschen mögen Dinge aus den unterschiedlichsten Gründen.
Ich mag die Lausitz, weil diese Landschaft nie versucht hat, ihre Vergangenheit zu verstecken. Sie zeigt ihre Narben. Und trotzdem ist sie schön.
Mit diesen Gedanken kuschelte ich mich unter meine Bettdecke und versuchte zu schlafen.

Der Diskoabend an der F60 verkomplizierte dieses Unterfangen nur minimal.
Irgendwann riss mich die Alarmanlage eines VW-Campers aus dem Schlaf.
Ich glaube sogar nicht nur mich, sondern alle, die dort in Ihren Wohnmobilen geschlafen haben, wurden davon geweckt. Die Frage, wie schnell man sich unbeliebt machen kann, war rein rhetorisch.

Ich krabbelte aus Dori – und fand das nächste äußerst interessante biologische Objekt, das meine Aufmerksamkeit auf sich zog: Im Sand vor mir lag ein Kokon. Genau genommen: Eine Puppe. Ein paar Fotos und eine kurze Recherche später: Hier handelte es sich um die Puppe eines Schwärmers, ein Nachtfalter. Starke Kontraktionen ließen darauf schließen, dass bald ein neuer Falter am Bergheider See wohnen wird.

Am vergangenen Tag war mein Kopf noch ganz woanders. Zu viele Gedanken.
Zu viele Fragen, auf die niemand so richtig eine Antwort hatte.
Der Moschusbock hat sie nicht beantwortet.
Der Schwärmer übrigens auch nicht.
Aber zwischen Inlinern, einem metallisch riechenden See, einer F60 im Abendlicht und einem Käfer, der meinen Campinghocker für einen Baum hielt, rückten sie für einen Moment in den Hintergrund.

Vielleicht brauchen nicht nur Käfer ausreichend Sicherheitsabstand. Vielleicht brauchen ihn Menschen manchmal auch. Nicht, um sich voneinander zu entfernen. Sondern, um wieder aufeinander zugehen zu können. 

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