oder: Ein Ort voller Geister
Ich nehme euch heute auf eine emotionale Reise aus einer Mischung aus einem weiter entfernten und neuerlichem „Neulich“ mit. Die Wege führen – wieder einmal – ans Meer. Um genau zu sein auf die wunderschöne Insel Rügen und das Kap Arkona.
Es gab diesen einen Tag… zufällig war es ein typischer Montag, der auch wahrhaftig den Charme eines typischen Montags verbreitete: graues, kühles, tristes Nass fiel vom Himmel, ein Auto reihte sich auf dem Weg zum Dienst ans andere. Der leichte Regenfilm schlierte auf der Windschutzscheibe, zu wenig um es mit dem Scheibenwischer gescheit weg zu bekommen; zu viel um, klar sehen zu können. Eigentlich kam ich grade aus einer Urlaubswoche, eigentlich war es mein erster Arbeitstag. Eigentlich sollte die Welt in meinem Kopf in Ordnung sein. Tatsächlich herrschte Unruhe.
Ein Geist in meinem Kopf fragte mich: „Fährst du mit mir ans Kap Arokna?“
Ich leitete die Frage weiter, ein kurzer Dialog, ob das Ziel noch diskutabel sei folgte.
Am Ende ein „OK“.
Der Geist in meinem Kopf erschrak sich im Angesicht des grellen Taschenlampenlichtes, mit dem er angestrahlt wurde. Auf einmal war er viel, viel kleiner und beinahe durchsichtig. Er wich der Aufregung, der Leichtigkeit und der Vorfreude. Der Rest der Woche verflog in Vorfreude.
Kap Arkona ist auch als das „Tor zur Insel Rügen“ bekannt. Tosende Wellen, Sonnenschein, Seebrücken, frischer Fisch, eine Möwe, die eben diesen vom Brötchen klaut… Ich glaube für viele Menschen ist Rügen eher mit schönen Erinnerungen verbunden.
Es ist auch ein Ort, an dem Naturgewalten auf die Spuren der Vergangenheit treffen. Da es keinen passenderen Zeitpunkt für diese Reise geben konnte, konnten wir uns auch davon selbst überzeugen – zur Anreise tobte ein Sturmtief mit Orkanböen. Ein Blick in den Wetterbericht hätte mir diese Erkenntnis vielleicht vorher beschert und ich hätte die Reise überdacht…
Am Ende ging alles gut und es war gut, wie es war.

Nicht nur aus emotionalen Gründen ist Rügen eine Reise wert:
Gelegen an der Spitze der Halbinsel Wittow bietet Kap Arkona nicht nur spektakuläre Aussichten, auch Geschichtsinteressierte kommen auf ihre Kosten.
Die zwei Leuchttürme, ein ehemaliger Peilturm der Marine, zwei ehemalige Militärbunker, die heute ein Museum sind, eine Wetterwarte des Deutschen Wetterdienstes, ein Rettungsboot der SAR-Flotte, die slawische Jaromasburg … es gibt viel zu sehen.
- Die Anreise
- Die Leuchttürme & der Peilturm
- Der nördlichste Punkt
- Die Veilchentreppe
- Das Fischerdorf Vitt
- Die Geister & die Versöhnung
- Die Reise geht weiter…
Die Anreise
Freitag, am frühen Nachmittag, begann die Reise. Acht Stunden und eine Mahlzeit später erreichten wir das Ziel: Der offizielle Stellplatz für Wohnmobile des Ortes Puttgarden.
Die Feststellung, dass wir sicher standen, uns keine Bäume aufs Dach hätten fallen können, war beruhigend. Schließlich ließ der Sturm nach, Wind schaukelte uns in den wohlverdienten Schlaf.
Nachdem man sein Parkticket gelöst hat, kann man bei der ortsansässigen Tourismusgesellschaft ein Ticket für eine kleine Bimmelbahn lösen, die Besucher zum knapp zwei Kilometer entfernten Endziel bringt. Es ist wohl auch möglich den Weg per Kutsche zurückzulegen. Am Tag unseres Besuches sahen wir weit und breit keine einzige. Selbstverständlich kann man sich auch gänzlich individuell auf den Weg machen… zu Fuß, Fahrrad, Longboard, E-Roller – was man eben so dabei hat.
Wir sehnten uns etwas nach Bewegung, immerhin saßen wir am Vortag ziemlich lange im Auto. Zu Fuß machten wir uns auf den Weg.
Die Spuren des Sturms vom Vortag waren offensichtlich: herab gewehte Äste, umgekippte Tisch- und Stuhlgarnituren, Haufen von herabgefallenen Blättern und kleinen Stöckchen, die sich in windstillen Ecken gesammelt hatten… Mein schlechtes Gewissen meinen Fahrer bei diesem Wetter hier her genötigt zu haben, überwältigte mich. Ich beschloss das schlechte Gewissen später mit einer Einladung für Fischbrötchen zu beruhigen.
Die Leuchttürme & der Peilturm
Hat man die Haltestelle hinter sich gelassen, ist das Prägnanteste das Leuchtturmpaar mit dem kleinen Wirtschaftsgebäude. Gegen den Himmel zeichnen sich der höhere, runde Turm mit roter Kuppel ab, daneben der niedrigere viereckige Turm mit drei Etagen und gläserner Kuppel. Vom Land und zu Wasser eine markante Landmarke.

Schinkelturm
Der kleinere der beiden Türme wird auch Schinkelturm genannt – Namensgeber war der Erbauer Karl Friedrich Schinkel. 1828 wurde der Backsteinturm in Betrieb genommen. 19,3 Meter hoch, mit einer Feuerhöhe von 60 Metern über Normal Null wieß er Seemännern bis März 1905 die Richtung.
Für Heiratswillige ist der Turm auch heute noch richtungsgebend – sie können hier in den Hafen der Ehe einlaufen. Rosenblätter auf dem Boden zeugen auch am Tag unseres Besuchs von der Beliebtheit des Turms.


Leuchtturm
Direkt neben dem Schinkelturm wurde im April 1905 der neue, 15,3 Meter höhere Leuchtturm in Betrieb genommen. Mit 35 Metern Höhe hat er eine Feuerhöhe von 75 Metern. Alle 17 Sekunden sendet eine Halogenmetalldampflampe drei Blitze in die Nacht Richtung Meer.
Für 3 € kann man den Turm besteigen und den Rundblick genießen, 161 Stufen führen nach oben.
Peilturm
1927 wurde der 5-stöckige Marinepeilturm erbaut. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs diente er als Beobachtungsposten für Funkverkehr auf der südlichen Ostsee. Seit Ende des Krieges verwitterte der Turm zunehmend. Eine aufwändige Sanierung 1996 rettete den Turm. Heute befindet sich eine Mischung aus Souvenir-Shop und Ausstellung im Turm. Ein gewöhnungsbedürftiges Konzept, das allerdings zu funktionieren scheint.
Der Peilturm befindet sich unmittelbar neben der Jaromasburg, deren Fundamente man von oben noch erahnen kann. Das Fischerdorf Vitt schmiegt sich in einiger Entfernung in die Landschaft. Auch das 80 km entfernte Schweden lässt sich erahnen.
Wie am Leuchtturm auch, zahlt man für den Aufstieg 3 €, als Eintrittsticket bekommt man einen Sticker. Findige Besucher haben diesen auf verschiedene Einrichtungsgegenstände nach oben geklebt, ich habe ihn seit diesem Tag in meiner Handyhülle.
Der Wind ließ zunehmend nach, die Sonne kämpfte sich durch die trüben, schweren Wolken. Durchaus ein guter Tag für eine Hochzeit. Oder um Geister aus Köpfen zu verjagen.


Der nördlichste Punkt
Ein schmaler Waldweg führt vorbei an den Türmen, dem Rettungsboot der SAR-Flotte und einer kleinen Ruine. Folgt man diesem Weg, gelangt man an eine steile Treppe, die am Fels hinab auf die Küste fällt. Dort trotz der Siebenschneiderstein Wetter und Wellen. Ein 165 Tonnen schwerer Findling bildet den nördlichsten Punkt der Insel. Der Stein verdankt seinen Namen der groben Schätzung, dass sieben Schneider darauf Platz finden würden.
Bei meinem ersten Besuch konnte ich den Stein trockenen Fußes erreichen. Wenn ich mich recht erinnere, kletterte ich sogar darauf. Bei meinem zweiten Besuch lag der Stein zu etwa zwei Drittel in der aufgewühlten Ostsee. Das Wasser stand bis auf wenige Meter an die Kreidefelsen heran. Der Weg auf dem wir uns bewegten, war sehr schmal und teilweise von Enten belagert.

Das Rauschen der Wellen war ohrenbetäubend, das Meer selbst bäumte ich beinahe mannshoch auf. Weiße Gischt tanzte wild auf den Wogen.
Die Ostsee wirkte chaotisch, wild und ungezähmt. Zur gleichen Zeit war es für mich unglaublich beruhigend in die Weite zu blicken, um Ruhe und Ordnung im Aufruhr zu sehen. Zwei kleineren Wellen folgte immer eine größere, die etwas weiter als ihre Vorgängerinnen über das Land schwappte.

Blickt man von Siebenscheiderstein aus nach rechts, entdeckt man in kurzer Entfernung die Überreste einer weiteren Ruine. Auch das war einmal ein Peilturm. Bis auf wenige Grundmauern ist heute davon nicht mehr all zu viel übrig. Eigentlich war dieser Platz für diesen Tag mein Ziel. Das aufgewühlte Meer versperrte den Weg. Also musste mir ein sehnsüchtiger Blick aus der Ferne genügen.
Die Veilchentreppe
Folgt man, wie wir und einigen anderen Spaziergängern, dem Weg vorbei am Peilturm Richtung Vitt, kann man sie kaum verfehlen – die Veilchentreppe. Teilweise unregelmäßige, steile Stufen führen direkt ans Meer. Im Frühjahr blühen hier Veilchen, die der Treppe ihren Namen gaben.
Reist man nicht direkt nach einer Sturmflut hat man auch hier einige Meter Platz, um den Steinstrand zu begehen ohne nasse Füße zu bekommen.

Wir balancierten auf den Steinen, die Wellen brachen direkt unter unseren Sohlen. Mit jedem Schritt, den wir machen, mit jeder Welle, die brach, wurde der Geist in meinem Kopf kleiner und durchsichtiger.
Kleine Welle.
Bis zu meinem letzten Sommerurlaub war ich mir sicher, mein Herz säße in einer Höhle in der Sächsischen Schweiz und ließe dort die Beine baumeln.
Kleine Welle.
Als ich die Insel Fehmarn im vergangenen Sommer verließ, wusste ich: mein Herz ist nicht dort. Es ist hier, am Meer.
Große Welle.
Diese Welle brauch nicht unter meinen Schuhsohlen. Sie sprang mich förmlich an. Hüfthoch waren meine Hose, meine Schuhe und Teile meiner Jacke nass. Ich lachte. Nachdem ich meine Schuhe ausgekippte hatte, noch ein wenig mehr.
Für mich war es der Moment, in dem mich mein Herz ansprang und bereit war wieder eins mit mir und meinem Kopf zu sein. Ich war eins mir mir, mit dem Moment, mit meinem Leben. (Ja, vielleicht klingt es dramatisch, aber dieser Moment und diese Reise war für meinen Kopf nachhaltig wichtig.)

Das Fischerdorf Vitt
Folgt man dem Weg von der Veilchentreppe weiter, erreicht man Vitt. Rechterseits, etwas oberhalb des Ortes steht die Vitter Kapelle.
Das kleine Fischerdorf mit reetgedeckten Dächern wirkt auf den ersten Blick sehr verschlafen. Auch auf den zweiten Blick tummeln sich hier vermutlich mehr Touristen als Ansässige. Ein Restaurant bildet das Zentrum des Ortskerns. Vervollständigt wird das Dorf durch ein Café mit Meerblick. Bei schönem Wetter bestimmt ein idyllischer Ort, bei Sturm sehr eigen, aber nicht weniger schön. Selbstverständlich hatte das Café einen Tag nach dem Sturm geschlossen.

Vitt steht unter Denkmalschutz und ist entsprechend gut erhalten. Im 10. Jahrhundert wurde es geschichtlich wohl das erste mal erwähnt. Tatsächlich macht es den Eindruck, als wäre hier die Zeit stehen geblieben. Nur die parkenden Fahrzeuge der Anwohner stören diese Wahrnehmung ein wenig.

Was mich in diesem Moment viel weniger stört ist meine nasse Kleidung, die nur langsam trocknet. Ich bin vollkommen in diesem Moment, lasse mir die steife, salzige Brise um die Nase wehen und bin sehr, sehr zufrieden mit der Welt – in meinem Kopf.
Die Geister & die Versöhnung
Ein loses Ende in meinem Kopf hat mit dieser Reise einen Knoten und ein Fähnchen bekommen, Ende und Anfang in einer Reise. Es ist rund. Und runde Dinge sind in meinem Kopf eine unglaublich gute Sache. Etwas Altes hat Frieden gefunden und etwas Neues kann den Raum einnehmen, den es verdient.

Manche Reisen – egal, ob wir sie wirklich körperlich unternehmen oder ob wir sie im Geiste machen – brauchen etwas länger, bis wir sie verarbeitet haben. Einige dieser Reisen unternehmen wir freiwillig, auf andere werden wir geschickt.
Ich bin kein Psychologe und ich bin auch kein gläubiger Mensch (im klassischen Sinne). Ich weiß nicht, was anderen Menschen hilft, wenn sie von bösen Geistern gejagt werden. Ich weiß, dass mir meine „Seelenorte“ in der Natur helfen. Ich glaube auch, dass wir die Dinge, die wir erleben, aus einem bestimmten Grund erleben. Es ist nicht immer einfach, aber hoffentlich wird am Ende alles gut.
Die Reise geht weiter…
Wir stromern weiter über die Insel… Dranske, Prora, der Baumwipfelpfad und jede Menge frischer Fisch landen im Kopf – und im Magen.
Um die Reise – für meinen Kopf – perfekt zu machen, will ich die Insel mit der Fähre verlassen. Am Pier erfahren wir, dass der Anleger auf der anderen Seite durch den Sturm beschädigt wurde. Also genehmigen wir uns noch ein Fischbrötchen und verlassen Rügen über die Brücke.














Diese Reise ist zu Ende, eine neue Reise beginnt. Wie immer. Ins Ungewisse, ins Abenteuer. Ich blicke dem, was kommt, neugierig entgegen.