Mit Holly zur F60

Die Sonne brennt auf den Asphalt, der Wind scheint nicht mehr als ein Umwälzen heißer Luft zu sein. Auch der Fahrtwind auf Holly ist nicht mehr wirklich erfrischend und gleicht derzeit, im Juli, eher dem sengendem Atem eines Drachen. Zum Glück liegt die Fahrt zum Besucherbergwerk F60 schon etwas länger zurück, sodass sich der Sonnenbrand auf der Nase in Grenzen hielt. 

Neulich las ich in einem Artikel deren Ursprung und Titel mir nicht mehr in Gänze bekannt sind, etwas sehr Interessantes. Im Groben ging es darum, dass man nach einer Trennung die Dinge, die man früher gemeinsam erlebte, an denen man viel Freude hatte, aufschreiben sollte. Dann sollte man, laut besagtem Artikel, diese Dinge für sich selbst unternehmen. Ziel wäre die Lösung der Verknüpfung von Aktivität und vergangenem Partner. Ich muss gestehen, ich musste etwas schmunzeln. Denn unbewusst habe ich in den letzten Jahren mit einigen meiner Hobbys bereits genau das getan; zum Beispiel beim Bouldern. 

Diese Tour mit Holly fällt in die gleiche Kategorie. Es war lange gemeinsam geplant, dann kam alles anders – wie es im Leben so ist. 

Ziemlich schnell stand also fest: ich werde allein zur F60 fahren. Nur Holly, die Landstraße und ich. Wenngleich das Alleinreisen mit Holly noch ein wenig ungewohnt ist, wie ein uneingelaufenes Paar neuer Schuhe, die das Potenzial für Lieblingsschuhe haben, auf diesem Ausflug fühlte ich mich so leicht und frei, wie lange nicht mehr. 

Die Heldin des Tages – Holly.

Ich packte also meine sieben Sachen, justierte das Navigationssystem (aka. mein Handy) am Roller und ließ den Motor warm laufen. Die Route führte mich aus Dresden heraus über Moritzburg, nach Bärwalde, über weitere kleine Dörfer durch Lauchhammer und schließlich nach Lichterfeld-Schacksdorf; Fahrzeit bei durchschnittlich 47 km/h, etwa 2 Stunden, exklusive Pausen.

In Moritzburg legte ich bereits den ersten fotowirksamen Zwischenstop ein. Holly vor Aschenputtels Märchenschloss – dieses Motiv konnte ich mir nicht entgehen lassen. 

Holly und das Märchenschloss.

Drei bis vier weitere Stops später, ich fuhr über die L60, tauchte hinter Bäumen am Horizont ein Koloss, konstruiert aus Stahl auf. Beinahe natürlich fügte sich die unnatürlich große Konstruktion in die mit halbhohen Bäumen bewachsene Landschaft ein. Das mag wohl zum  großen Teil daran liegen, dass die Landschaft keinesfalls natürlich wirkt. Eher wie eine karge Mondlandschaft. Die Landstraße ist weithin das einzige Zeichen der Zivilisation. Die breiten Ränder links und rechts der Fahrbahn sind von trockenem Sand bedeckt, Gras sucht man vergebens. Die Birken und Kiefern, die den Straßenrand säumen, sind jung. Die meisten überragen mich zwar, aber der Größenunterschied ist beinahe marginal. Der Baumwuchs hat nichts gemein mit den lichten Kiefern- und Tannenwäldern, die ich sonst durchstreife.

Ich hielt ein weiteres Mal. Der Anblick beeindruckte mich nachhaltig. Die Kilometeranzeige auf dem Handy verriet mir: Das, was dort in der Landschaft liegt muss die F60 sein. Selbstverständlich habe ich vorher (mal wieder) nicht recherchiert, was genau mich erwarten würde. Ich lasse mich lieber überraschen.

Ein schlafender Riese. Blick auf die F60 von der L60

Das Besucherbergwerk F60, auch bekannt als „F60 – der liegende Eiffelturm“, ist eine ehemalige Abraumförderbrücke im Lausitzer Braunkohlerevier in Brandenburg. Die F60 wurde zwischen 1989 und 1991 gebaut und war mit einer Länge von 502 Metern und einer Höhe von 80 Metern die größte bewegliche Arbeitsmaschine der Welt.

Der Name F60 leitet sich aus aus dem Hoch- und Tiefschnitt der Brücke ab. Dieser beträgt 60 Meter. Eigentlich sollte die Brücke 30 bis 40 Jahre in Betrieb sein um Abraum zu befördern und somit den Weg für die Braunkohle fördernden Bagger ebnen. Tatsächlich arbeitete die Brücke von März 1991 bis Juni 1992. Die Wende, die sich ändernde Nachfrage von Energiebeschaffung, die politische Lage – die Schließung des Tagebaus war eine scheinbar logische Konsequenz.

502 Meter Länge – passen nicht ganz aufs Bild.
So passt es. 🙂

Nach Stilllegung des Tagebaus Klettwitz-Nord sollte die Brücke demontiert werden, die Landschaft rekultiviert. Ein Förderverein wurde gründet – das Potenzial der Brücke fernab vom Tagebau für die Lausitzer Region blieb nicht ungesehen. Die F60 sollte erhalten und in die Landschaft eingebettet werden. So wurde aus- und umgebaut, der ehemalige Tagebau geflutet. Am 2. Oktober 2003 wurde das Besucherbergwerk für Besucher geöffnet. Die Dimensionen bleiben gewaltig: 11.000 Tonnen Stahl stehen am Bergheider See und können besichtigt werden. Der alte Werkstattwagen dient als Infocenter mit Kantine. Kredenzt werden Klassiker wie Bockwurst mit Toast oder Kartoffelsalat, deftiger Eintopf, Kaffee und Kuchen und weitere Getränke. 

Der ehemalige Begleitwagen, heute Infocenter.
Zurück in die Vergangenheit – der Infopoint im alten Werkzeugwagen inkl. Bistro.

Es gibt Führungen, bei denen man über die Geschichte und Funktionsweise der Abraumförderbrücke noch viel mehr lernen, als ich hier in Worte fassen kann. Man kann auf die Plattform in 74 Metern Höhe steigen und einen beeindruckenden Blick über das umliegende Gelände genießen – mein ganz persönliches Highlight. Die F60 ist ein Symbol für die industrielle Vergangenheit der Region und ein Zeugnis für den Strukturwandel in der Lausitz.

Jedes Mal wieder faszinierend. Ausblick aufs Förderband der F60.
Vorbei am Transportband und Rollen…
und jeder Menge Stahl.

Die Flutung des ehemaligen Abbauareals begann im September 2001. Der Bergheider See ist mit seinen 327 Hektar Fläche zu einem meiner Lieblingsorte geworden – auch wenn er Stellenweise tatsächlich eher einer Mondlandschaft gleicht, auf der man sich leicht die Füße verbrennt.

Die Aussicht von oben auf den Bergheider See – in die eine Richtung…
… und in die andere Richtung.

Viele der vergangenen Wochenenden verbrachte ich bei Lichterfelde am, auf oder im Wasser. Der See ist für den muskelkraftbetriebenen Wassersport freigegeben. Heißt: Windsurfen, Kiten, mit dem SUP, Kanu, Paddel- oder Segelboot über den See gondeln ist gestattet. Die entsprechenden Geräte zur Ausführung müssen selbst mitgebracht werden, es gibt keinen Verleih. Ebenso sollte man sich entsprechend selbst verpflegen, wann man einen Tag am See verbringen möchte. 

Ganz abgesehen von den Fakten zu diesem Ort: Die Auflösung von alten Verbindungen, die mich wie einen Anker nach unten zogen, hin zu neuen Verbindungen, die gänzlich das Gegenteil bewirken, ist nachhaltig spürbar. 

Selbstverständlich dauert es seine Zeit. Alles hat seine Zeit bedeutet auch, dass alles seine Zeit braucht. Innerlicher Schmerz, Traurigkeit und Zweifel verfliegen nicht von heut auf morgen. Und selbst wenn ich es vor knapp einem Jahr selbst noch nicht gedacht hätte: irgendwo gibt es ein Licht, dass heller als die Dunkelheit ist.  Bewegt man sich im Schatten, gibt es Menschen, die einen dort finden. 

Gespottet: Kites am Himmel und durchs Fernglas.
Happy me am See 🙂

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