Während ich versuchte mutig zu sein und einen Schritt vor den anderen setzte, fragte ich mich: „Was haben sich die Erbauer dieser Brücke nur gedacht?! Der Himmel ist nicht genug? Höher, länger, weiter?! Vermutlich genau das!“ Zugegeben: Ich hatte den gleichen Gedanken, als ich diesen Spot mit Sternchen in den Augen auf meine Bucket List setzte. Wie sehr verfluchte ich mich selbst dafür, als ich in der Mitte der Sky Bridge 721 stand. „Wessen Idee war es hier her zu fahren?!“, fragte ich immer und immer wieder. Die Antworten schwankten zwischen: „Das war deine beschissene Idee“, „Meine war’s nicht!“ und „dumb ways to die“. Immerhin versuchte ich den Ausblick zu genießen. Unterm Strich bleibt die Erfahrung: Die Sky Bridge 721 war jede Perle Angstschweiß, jedes panische Grinsen und jede Minute der An- und Abreise wert.
Aus irgendeinem Grund dachte ich bei der Planung, dass die knapp drei Stunden Autofahrt von Dresden nach Dolní Morava schnell gemacht seien. Pustekuchen. Es waren gar nicht knapp drei Stunden – sondern ein bisschen mehr als fünf Stunden, die wir allein für die Anreise auf der Straße verbrachten. Herrlich, wie überzeugend ich falsch liegen kann. Zum Glück nahm es mir meine Begleitung nicht übel, sondern mit Humor.
Die meiste Zeit verbrachten wir mit einer Playlist der Best of „Als wir noch jung waren“ auf Landstraßen, bei denen der Straßenplaner auf die Frage: „Wie viele Kurven wollen Sie verbaut haben?“ wohl mit „Ja.“ geantwortet hatte.

Lichte Fichtenwälder, satt gelbe Rapsfelder, kleine verträumte Städtchen, urige Bauernhöfe – als Beifahrer hatte ich jede Menge zu gucken. Kurz vorm Ziel wären mir die Augen beinahe aus dem Kopf gefallen – von Weitem konnte man zwischen den zwei Berggipfeln des Slamník und des Chulm eine dünne, silberne Linie erahnen, die das Tal mit dem klangvollen Namen Mlýnské údolí – zu deutsch: Mühlental – überquerte. Mein Sprachzentrum setzte kurz aus, als ich realisierte, dass genau diese Linie die Sky Bridge 721 war. Die 721 bezieht sich auf den Länge der Brücke. Mit ihren 721 Metern ist die Stand 2022 die längste Fußgänger-Hängebrücke der Welt.
Es wird also real. Es gab kein Zurück. Immerhin war die Auf- und Abfahrt mit dem Sessellift sowie die Überquerung der Brücke bereits bezahlt. Beides nicht ganz günstig. Für zwei Personen legten wir für dieses Erlebnis ungefähr 80€ auf den Tisch – exklusive Spritkosten und Verköstigung. Kurz vorm Ziel unverrichteter Dinge die reichlich fünf Stunden einfach wieder nach Hause zu fahren war also definitiv keine Option! Nicht einmal, als wir die Sicherung des Sessellifts nach unten zogen und unsere Beine einen kurzen Augenblick später in der Luft baumelten.

Ich möchte nicht einmal behaupten, dass ich in dieser Situation zu viel nachgedacht hätte. Eigentlich hatte ich gar nicht nachgedacht. Ich habe mir nicht ausgemalt, was passieren könnte, wenn eines der sechs 76 Millimeter starken Stahlseile der Brücke reißt oder eine der Verankerungen im Boden den Geist aufgäbe. Ich habe auch nicht auf das, meiner Meinung nach, viel zu große Lochgitter unter mir geschaut. Die 1,2 Meter hohe Brüstung vor mir, war nicht in meinem Blickfeld. Dass die ebenfalls 1,2 Meter breite Brücke abschnittsweise eng werden konnte, hatte ich ebensowenig auf dem Schirm. So gut es ging, versuchte ich meinen Blick in die Ferne, auf den Horizont zu richten. Zu genießen, was ich hier tue. Genau genommen suchte ich nach Einhörnern und Dachen am Horizont. Nach Mut und Zukunft. Nach Wegen um oder über den Berg, der mir selbst im Weg stand. Das war es, worauf ich mich konzentrierte.


Die Brücke war gut frequentiert – nicht überfüllt, aber auch nicht leer. Vorsorglich hatte ich meine Handschuhe eingepackt, um mich am Geländer festklammern zu können. Eine kluge Entscheidung, denn so konnte meine Hand einfach über das glatte Stahlrohr gleiten, ohne das Stocken und Quietschen, welches entsteht, wenn eine trockene und eine feuchte Oberfläche aufeinander treffen. Abgesehen davon klebten die Fliegen, die vom nahenden Geländer während ihres Fluges überrascht wurden, nicht direkt an meiner Hand, sondern am Handschuh.


721 Meter können lang sein. Ungewohnt lang. Wie ein Moment, der sich beinahe bis zur Unendlichkeit ausdehnt.
Ein Gefühl, dass ich in der letzten Zeit ziemlich oft hatte – beinahe viel zu oft. Es waren keine Momente, die sich in meinem Kopf zogen, wie ein Kaugummi an heißen Sommertagen unter einem Schuh, sondern Erinnerungen. Und mindestens genau so oft waren es keine Erinnerungen an tatsächliche Erlebnisse, sondern an Augenblicke, die ich mir einmal vorgestellte und die ein fester Teil meines Lebens werden sollten.
Wie es aber so ist: das Leben hat andere Pläne und inzwischen lebe ich ein anderes Leben.
Eines, in dem ich wirklich ankommen kann. In dem ich mich fallen lassen und ich sein kann. Ein Leben, das zwar chaotisch, aber akzeptiert ist – ein Leben, das wirklich mein Leben ist.

Ehe ich es wirklich realisieren konnte, standen wir auf der anderen Seite der Sky Bridge. Die Brücke ist eine „Einbahnstraße“. Der Rückweg führt über einen gut ausgebauten und beschilderten Wanderweg zurück zum Ausgangspunkt (an dem es übrigens auch ein Restaurant, den Aussichtsturm „Walk the Sky“ und öffentliche, kostenfreie Toiletten gibt. Ein wenig neidisch beäugte ich die Mountainbiker, die sich mit ihren voll gefederten Rädern die Routen in zwei verschiedenen Schwierigkeitsstufen hinab wagten. Meine Begleitung war eher neidisch auf die Menschen, die mit der Sommerrodelbahn statt dem Sessellift nach unten fuhren.


Noch einmal mutig sein, die Beine baumeln lassen und den Blick ins Tal genießen. Noch einmal über die Gipfel schauen und genau beobachten, wo die Einhörner und Drachen hinter den Bergen verschwanden. Noch einmal aus tiefster Überzeugung „dumm ways to die“ singen ohne dabei auch nur einen Ton zu treffen und schon standen wir mit beiden Füßen wieder am Ende des Sessellifts.
Die fünf Stunden Rückfahrt waren ein Kinderspiel…



Ein Kommentar zu “Walk the Sky”