Mit Holly zum Rostigen Nagel

Die Rollersaison ist eröffnet! Vermutlich bin ich ein bisschen spät dran, aber ich bin ehrlich: bei sommerlichen Temperaturen und Sonnenschein fährt Holly einfach viel besser, als bei kühlen Temperaturen und großen grauen Wolken am Himmel. 

Anfang Mai war es soweit: Alle Voraussetzungen für eine erfolgsversprechende Tour waren gegeben. Warmes, trockenes Wetter inklusive Sonnenschein, ausreichend Freizeit (und Proviant), ein gut ausgesuchtes Ziel in nicht zu weiter Ferne. Sitzfach und Gepäckkoffer waren gepackt, die Halterung fürs Navi justiert – es konnte los gehen. 

Kaum hatte ich Dresdens Grenzen hinter mir gelassen, war ich unglaublich erleichtert mich auf den Weg ins Lausitzer Seenland gemacht zu haben. Gewundene Landstraßen, sanfte Kurven, die durch hellgrüne, frühlingshafte Wälder und vorbei an satten, gelben Rapsfeldern führten. Wattige, weiße Schäfchenwolken, die sich hin und wieder vor die Sonne schoben, die vom blauen Himmel strahlte und ein leichter Wind, der über weite Wiesen wehte. 

Bestes Wetter und leere Straßen.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge begann meine Tour. Es würde die erste Tour werden, die ich gänzlich allein fahren würde. Ich würde dem Menschen, mit dem ich diese Tischecke einmal erschaffen hatte, keinen Zwischenbericht erstatten. Wir würden unterwegs nicht gemeinsam an einem Feldweg stehen und uns gegenseitig fragen, ob wir dies oder das gesehen haben. Ich würde mich nur selbst mit leicht panischem Blick fragen, ob ich den Schlüssel in der Zündung stecken ließ oder ihn in einem Moment der geistigen Umnachtung ins Sitzfach gepackt hatte (was äußerst ungünstig wäre – denn ist das erstmal zu, ist es zu und die Weiterfahrt ist bis auf weiteres abgesagt.) 

Der Star des Tages: Holly

Andererseits freute ich mich so sehr, auf diese Tour. Holly ist mit ihren maximal 45 km/h auf grader Strecke nicht besonders schnell. Dafür hat man viel Zeit die Landschaft, die kleinen Dörfer, deren urige Bewohner, entspannte Kühe auf saftigen Weiden und sonnendurchflutete Wälder zu betrachten und den Geruch von frisch gemähten Rasen oder blühendem Raps zu inhalieren. Diese verhältnismäßig weiten Strecken mit Holly zurückzulegen ist für mich Entspannung, ähnlich wie beim Wandern. Es ist Entschleunigung. Große Gedanken, die im Dunkel lauern, erscheinen weniger angsteinflößend, wenn man sie bei Tageslicht und ausreichend Abstand betrachtet.
Man bewegt sich stetig, bewusst auf ein Ziel zu. Das eigentliche Ziel, ist gar nicht das Ziel – denn viel mehr ist der Weg das Ziel. Ich weiß, es klingt nach einem abgedroschenen Kalenderspruch, aber ich fühle es so sehr. Entweder man mag es oder man mag es eben nicht. 

View of the Day: Straße und Roller.

So führte mich mein Weg von Dresden über die Landstraße über Ottendorf-Okrilla, Lausnitz, Königsbrück, Schwepnitz und schließlich zur Landmarke „Rostiger Nagel“ am Sornoer Kanal. 

Die Straßen waren beinahe leer. Bei einer meiner Pausen in einem kleinen Waldgebiet flog eine Ausfahrt von amerikanischen Fahrzeugen vorbei. Ich beobachtete sie schmunzelnd. Gleichzeitig war ich froh, dass mich die Fahrer dieser Kolonne nicht überholen müssten, da sie definitiv schneller unterwegs waren als ich. Ein Punkt, über den ich mir regelmäßig Gedanken mache… mit 45 km/h ist man eben nicht besonders schnell. So mancher Autofahrer sieht in den kleinen Rollern definitiv ein Hindernis auf seinem schnellen Weg von A nach B. Umso mehr freute ich mich, als die Straßen kleiner und schmaler wurden, ich allein unterwegs war und mir den erfrischenden Wind um die Nase wehen lassen konnte. 

Der gut frequentierte Imbiss am Fuße des Aussichtspunktes.

Dafür war das Ziel gut frequentiert: viele Ausflügler nutzten den warmen, sonnigen Tag um den See mit ihrem Rad oder ihren Skates zu umrunden. Ein Kiosk am Fuße des Aussichtsturms versorgte die sonnenbadenden Besucher mit erfrischenden Getränken und Eis. Der Parkplatz war, als ich zur Mittagszeit ankam, gut gefüllt. Zum Glück findet sich mit Holly immer eine Lücke. 

Ich sortierte meine Gedanken; ein wenig Stolz mische sich in die wehmütigen Gedanken. Stolz darüber, mich auf den Weg gemacht zu haben und des Ziel erreicht zu haben. Allein wandern zu gehen ist mir nicht neu, ich weiß worauf ich mich einlasse und kenne meine Grenzen. Mich mit Holly allein auf den Weg zu machen, war in meinem Kopf eine größere Hürde. Vermutlich habe ich in diesem Fall auch nur dazu geneigt zu viel darüber nachzudenken, was schief gehen könnte… Eine, meiner schlechteren Angewohnheiten. 

All zu viel Zeit zum Grübeln blieb auch nicht. Beinahe wie durch Zauberhand hatte ein anderes Zweirad aus meinem Besitz den Weg an den Sedlitzer See gefunden. Ich wechselte also von vollunterstützter Motorisierung auf halbmotorisierte Fahrunterstützung. Mit den Fahrrädern erkundeten wir den See.

Die Reise geht weiter: Entlang der Seen
Erstmal gucken, was hier am Ufer so los ist.
Gut ausgebauter Weg für Skater und Radfahrer.

Die Seen um die Landmarke „Rostiger Nagel“ sind ausschließlich künstlich geschaffen und waren einst Abbaugebiete für Braunkohle. Der Geierswalder See, Senftenberger See und Sedlitzer See wurden nach und nach geflutet und werden jetzt für die touristische Nutzung saniert. Teilweise sind die Seen über Kanäle verbunden. Zwölf ehemalige Tagebaugruben sollen hier zukünftig das Wasser-Freizeitgebiet Lausitzer Seenland bilden. Damit handelt es sich um Europas größte, künstliche geschaffene Wasserlandschaft mit insgesamt 9 Seen und einer Gesamtwasserfläche von circa 7.000 bis 8.300 Hektar. (1) Teilweise sind die Seen für den touristischen Betrieb bereits freigegeben, andere werden noch geflutet.

Wir erkundeten das Ufer der Seen, fanden ein ruhiges Plätzchen am Partwitzer See. Picknick, Türme bauen, Steinchen springen lassen, die obligatorische Fotosession mit Wanda und der Sphäre. Die Zeit verging schneller, als mir lieb war. Und ich war noch gar nicht auf dem Aussichtsturm! 

An alles gedacht beim Packen: Sphäre – check.
Wanda ist auch dabei. Und ein bisschen Spielerei am Wasser. #PerfectPictureMoment

Mit Höhe tue ich mich ja hin und wieder ein wenig schwer – aber überraschender Weise war ich an diesem Tag mutiger als ich dachte. Der 2008 aus Cortenstahl erbaute 30 m hohe Turm ist seit Oktober 2008 für Besucher zugänglich. Die Farbe der Oberfläche ist namensgebend: eine rotbraune Patina, die sich überraschend glatt anfühlt, überzieht das Gebilde. Ein Symbol für die Wandlung des Gebietes vom Bergbau zu einer zukunftsorientierten Region.
Der Turm ist nicht barrierefrei und ausschließlich über Stufen zu begehen. Ich habe die Stufen nicht gezählt, es waren einige ehe ich meine Nase in die leichte Brise halten konnte. Man kann den Blick weit schweifen lassen: Die Kraftwerke Boxberg und Schwarze Pumpe sieht man in der Ferne. Senftenberger See, Partwitzer See und die schon erwähnten Seen erstrecken sich über Sachsens Grenze nach Brandenburg. 

Und dann ging’s nach oben.
Ausblick genießen.
Ganz weit weg von Allem, was Schatten werfen könnte.

Ich genoss das Kribbeln im Bauch, das die Höhe auslöste. So langsam freunde ich mich damit an – genau wie ich mich mit dem ein oder anderem Zustand anfreunden musste. 

Bevor ich mich auf den Heimweg machte, genoss ich ein Eis und versuchte Holly möglichst eindrucksvoll vor dem Turm zu positionieren. Einige Touristen hatten vermutlich einen ganz ähnlichen Plan mit ihren Fahrzeugen. Da ich es nicht eilig hatte, ließ ich mir Zeit und bekam mein Foto. 

Rostiger Nagel und Holly – ich weiß nicht mehr genau, wie lange ich warten musste, bis ich dieses Bild machen konnte.

Da es langweilig ist auf dem Rückweg den gleichen Weg zu nehmen, entschied ich mich für eine minimal längere Route (auf der die Tankstelle aber näher lag. Kleines Fahrzeug – kleiner Tank.)
Vom Rostigen Nagel aus führte die Tour nach Lauta, über Bernsdorf, Kamenz, Pulsnitz, Radeberg und schlussendlich wieder zurück nach Dresden.
Insgesamt 170 km fuhr Holly an diesem Tag; 85 km pro Strecke. Für jeweils eine Strecke war ich etwa zwei Stunden unterwegs. Eine vertretbare Zeit für die erste Tour – auch wenn der untere Rücken auf den letzten Kilometern etwas zwickte. 

Quelle:
(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Geierswalder_See (aufgerufen am 25.5.) externer Link

Noch ein bisschen höher: Dank Drone.

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