Wanderung: Idagrotte & Kleiner Winterberg

Oder:
von dem Ort den dem mein Herz und mein Kopf gemeinsam
die Füße über dem Abgrund baumeln lassen.

Der Morgen begann mit Sonnenschein und einzelnen Wolken, die aus der Ferne nicht danach aussahen, als ob sie einen Wanderausflug gefährden könnten. Als alle sieben(tausend) Sachen gepackt, die Gedanken, die mir durch den Kopf schwirrten verschnürt waren und wir schließlich im Auto saßen, sah es ein wenig düsterer aus. Die Wolken hingen viel tiefer, die Luft wurde stetig kühler.
Trotzdem ging es los. Gegen 13:00 Uhr erreichten wir den kleinen Parkplatz am Lichtenhainer Wasserfall. Wetter sei Dank – wir hatten freie Platzwahl.
Ich wusste es schon, als wir ankamen: Es war viel zu spät, wir würden die geplante Runde vom Lichtenhainer Wasserfall über die Idagrotte, den Kleinen Winterberg und den Kuhstall zurück zum Lichtenhainer Wasserfall nicht in Gänze vor Anbruch der Dämmerung schaffen. Zu Gunsten der Erholung Mitwandernder, wurde der Start kurzer Hand nach hinten verlegt.

Start der Route am Lichtenhainer Wasserfall – der Endstelle der Kirnitzschtalbahn.
Der Lichtenhainer Wasserfall. Sieht imposant aus, ist aber ziemlich klein.

Also ging es los: Parallel zur Straße folgten wir dem Wanderweg mit dem sehr ausgefallenen Namen „Rundweg I„, einmal falsch abgebogen, Pirouette, Ferse, Spitze, Ferse, Spitze, Kirnitzschtalstraße queren – wir waren wieder auf dem richtigen Weg: dem Dietrichsgrund. Ab hier war es einfach den richtigen Weg zu finden: der Frienstein ist ausgeschildert. Zeit die Natur wirken zu lassen: den aufgeweichten Boden unter den Füßen zu spüren, den feuchten, schweren Geruch nassen Holzes einzuatmen, das Streicheln des frischen Windes auf den Wangen zu fühlen.

Ich öffnete den Käfig der eingefangenen Gedanken und ließ sie fliegen… „die Gedanken sind frei...“ Sie erhoben sich gegen den wolkenverhangenen Himmel und schienen sich vor ihm einfach aufzulösen.
Die Wanderwege der Sächsischen Schweiz sind, seit ich den ersten Schritt auf ihnen gegangen bin, ein Ort an dem meine Gedanken zur Ruhe kommen. Der Ort, an dem Kopf und Herz mit Seele Hand in Hand gehen. Der Ort, an dem ich in Gänze bei mir bin, an dem die Wippe weder nach links noch rechts schwingt, sondern wie eine Waage ausgeglichen in der Mitte steht. Besonders der Frienstein und der Kleine Winterberg haben diese wohltuende Wirkung auf mich.

Umwege erweitern die Ortskenntnis… Wären wir diesem Weg gefolgt, wären wir auch ans Ziel gekommen. Hätte nur länger gedauert. 😉
Links: Irgendwo da ist der Weg. – Rechts: Das Schild ist der Beweis!

Wir folgten dem Vorderen Heideweg. Abschnittsweise war es hier, bis wir schließlich auf den Königsweg gelangten, sehr unwegsam. Umgestürzte Bäume versperrten den Weg. Windschlag und Borkenkäfer leisteten ganze Arbeit.
Kurzer Hand entstand die Idee für ein kurzes Video für sozialen Netzwerke. Die Umsetzung war sichtlich erheiternd – und mit Humor ließen sich die vielen Stämme viel einfacher überklettern.
Schließlich folgte, was folgen musste: Stufen. Immerhin ging es bisher nur Abschnittsweise bergauf und über Stock und Stein. Aber keine Wanderung in der Sächsischen Schweiz ist eine vollständige Wanderung, wenn sie nicht auch Stufen beinhaltet.

Having fun while making stupid videos.
Links: Ja, dieser schmale Weg führt zur Idagrotte – Rechts: Der Ausblick ist umwerfend.

Der schmale Weg schlängelte sich rechts am Fels entlang, links am Abgrund. Hinter dem Häuschen der Proteinriegel-Hexe folgte die nächste Kletterpartie: um zur Idagrotte zu gelangen, muss man ein Feld von großen Sandsteinen queren. Ich habe jedes Mal riesige Freude daran dort umherzuklettern. Im Sommer, wenn der Fels trocken und warm ist, mehr als zu den kühleren Temperaturen. Es mag ein wenig weit hergeholt klingen, war ich doch im Sommer nur einmal hier und im Herbst und Winter viel, viel öfter.

Wenn am Wegrand keine Besenheide wuchs, lagen Baumstämme dort.

Gedanklich schwebte ich, mein Tritt auf dem schmalen Weg in die Schichtfugenhöhle (was die Idagrotte geologisch gesehen ist) war leicht. So oft bin ich ihn gegangen. Ich erinnere mich noch genau, wie ich beim ersten Gang die Griffeisen umklammerte, wie sehr mein Herz gegen meine Brust schlug, wie das Adrenalin nach oben schoss. Heute sind diese Schritte für mich wie nach Hause kommen.
Den einsetzenden Platzregen saßen wir in der Höhle aus. Perfektes Timing. Genug Zeit für ein kleines Fotoshooting. Der heimliche Star: natürlich wie immer die Besenheide.
Wir nutzten die Zwangspause außerdem fürs Picknick, die Besprechung der Routenänderung – und zur Beobachtung des Regens.

Habe mich einen Moment zu meinem Herzen und meiner Seele gesetzt.

Ich sah meinen Kopf und mein Herz gemeinsam am Abgrund sitzen, beobachte, wie sie ihre Beine baumeln ließen, den Regen beobachten, von Zeit zu Zeit nach dem anderen fühlten, ob er noch da sei und selig miteinander waren. Ganz in Frieden saßen beide beieinander. Ich spürte, dass es ihnen besser ging, sie aber noch bleiben wollten. Also ließ ich sie dort sitzen, bis die zwei wieder bereit sind von selbst aufzustehen und wieder in die Welt zu ziehen. Dass alles seine Zeit hat, heißt auch, dass alles seine Zeit braucht.

Links: Ida Grotte Rechts: Kleiner Winterberg
Guck doch mal schön in die Kamera – kann ich! XD

Der Weg führte uns weiter über die Obere Auffensteinpromenade – der Kleine Winterberg war quasi nicht zu verfehlen; Beschilderung sei Dank.
Auch dieser Ort hat eine besondere Bedeutung für mich. Eine meiner ersten Wanderungen führte hier her, seitdem ist der Kleine Winterberg ein Ort, an den ich so gern zurück kehre. Nicht jedes Mal, aber in regelmäßigen Abständen, wage ich auch den kleinen Hüpfer über die Felsspalte. Ein Motiv, das ich schon auf so vielen Prospekten und Wanderführern gesehen habe. Es hat es mir angetan.

Oh, what a view – jedes Mal aufs Neue.

Die Wolken wurden dunkler, das Licht schwand. Der Kuhstall wurde also endgültig von der Liste gestrichen und flinke Füße zurück zum Parkplatz am Lichtenhainer Wasserfall. Die wohlweislich eingepackten Stirnlampen erleuchteten den Rückweg über den Fremden- und Hinteren Kuhstallweg. Der letzte Abschnitt folgt der Kirnitzsch zurück zum Lichtenhainer Wasserfall. Das wilde Rauschen des Baches ist beruhigend. Gern hätte ich meine Füße wieder an der seichten Stelle ins kalte Wasser gehalten und noch einen Moment verweilt, aber die Dunkelheit und die Kälte hielten zur Eile an. Und außerdem war es zu diesem Zeitpunkt viel verlockender die Füße unter die wärmende Dusche zu stellen…

Links? Rechts? Grade aus? Egal! Der Weg ist das Ziel.

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