Es bleibt winterlich kalt. So schön die winterlichen Puderzuckerlandschaften, das Geräusch des knirschenden Schnees unter den Wanderschuhen und beinahe leere (sonst überlaufene Spots) auch sind, ich wäre bereit für den Frühling. Nichts desto trotz nehme ich euch heute noch einmal mit auf einen Winterlichen Spaziergang in die Böhmische Schweiz, der zwischenzeitlich mehr einer Schlitterpartie glitt.

Der schnellste Weg von Dresden Richtung Tisá führte über die Autobahn. Wer, wie wir, den mautpflichtigen Abschnitt der Autobahn in der Tschechischen Republik umgehen möchte, fährt bis Bahretal und dann weiter über die Landstraße Richtung Bad Gottleuba-Bergießhübel und Peterswald/Petrovice. Von dort aus ist es nur noch ein Katzensprung bis Tisá.
Touristisch ist das Gebiet hervorragend erschlossen: Restaurants, gebührenpflichtige Parkplätze, Naturlehrpfade, ein Kassenhäuschen vorm Zugang an die Tyssaer Wände. Allerdings belaufen sich die Kosten im eher minimalen Bereich: der Parkscheinautomat akzeptiert Euro, das Tagesticket ist für schmale 2 € zu haben. Der Eintritt zur Felsenlandschaft ist augenscheinlich nur saisonal zu entrichten. Erwachsene zahlen hier ebenfalls 2 €, Kinder 1,50 € – sofern wir das verwitterte Schild richtig entzifferten (Stand: März, 2023).

Die Beine aus dem warmen Auto in die kalten Wanderstiefel zu schwingen, kostete ein wenig Überwindung. Aber mit einem Blick ins Tal vor uns und die Felsen hinter uns, die wir begehen wollten, war die Motivation schnell gefunden. Wir stellten das Fahrzeug ortsmittig ab, wie wir feststellten genau gegenüber dem Beginn des Wanderweges. Auf Schautafeln ist die Geschichte des Ortes zusammengefasst – von der Knopffabrik bis zur Erschließung des Klettergebietes.
Wir ließen den Hauptweg hinter uns, folgten dem rechten Weg (der auch tatsächlich der rechte Weg war) um die Felsformation herum. Trotz der winterlich kalten Temperaturen und dem bedecken Himmel, der es sich nicht nehmen ließ zwischenzeitlich mit Schneegraupel zu werfen, waren verhältnismäßig viele Spazierende unterwegs. Diese folgten aber ausnahmslos dem linken Weg zum Hauptzugang der Tyssaer Wände.
Nach wenigen Augenblicken umschloss uns die winterliche Stille. Gefrorener Schnee knirsche lauter als gewöhnlich unter unseren Schuhen, wir ließen den Moment auf uns wirken. Von halber Höhe aus, hatten wir auf der linken Seite die Felsen, auf der rechten den Ort Tisá.
Der Ort ist klein, verschlafen. Er lebt vom Tourismus. Ein paar Restaurants, drei Sehenswürdigkeiten: eine davon die Tyssaer Wände. Eine einsturzgefährdete Kapelle und die 1786 erbaute Kirche der Heiligen Anna, die ohne Frage auch schon bessere Zeiten erlebte.
Ich frage mich, ob die Frage, wie lang der Ort noch überleben wird, zu makaber ist.
Auf der anderen Seite: Was leben möchte, findet einen Weg zu überleben. Menschen, Ideen, Gefühle, Besenheide… Alles findet wohl einen Weg, wenn nur genug Willen vorhanden ist. Ob es bei Ortschaften wohl genau so ist?


Wir erreichten das Ende der Felsformation, bogen links ab und fanden im Schnee einen Weg auf die Felsen. Wir folgten anderen Fußspuren, in die sich auch die Spuren einzelner Rehe schlichen.
Trotz der Kälte zwitschern vereinzelt Vögel, die ich nicht bestimmen konnte. Ich vermutete Amseln. Es war ein eigenartiger Vorgeschmack von etwas, das unausweichlich kommen würde und dem, was grade noch so war. Wie das Gefühl, das man manchmal zwischen Weihnachten und Neujahr hat…

Nach einem kurzen Anstieg standen wir auf dem Plateau der Großen Tyssaer Wände (oder Steine, je nach dem, wen man fragt). Sie liegen direkt oberhalb des Ortes, sind sehr markant und bestehen aus kompakten Plateaus mit einer wunderschönen Aussicht.
Die Tyssaer Wände bilden die landschaftliche Grenze zum Erzgebirge, bei gutem Wetter kann man es sehen. Die höchsten Punkte sind bis zu 30 Meter hoch, insgesamt liegt die unter Naturschutz stehende Formation 600 Meter über Normalnull.


Wir legten trotz Kälte eine kleine Fotopause ein – Merlin fand ein Drachenei und eine geheimnisvolle Sphäre. Vielleicht das Portal in ein alternatives Mulitiversum, in dem die Welt nicht Kopf steht, alles gut wird und Einhörner und Drachen wirklich existieren?


Die Treppen und Wege waren mit dicken Eisschichten bedeckt, was das Begehen sehr abenteuerlich machte. Zum Glück gab es Bäume und Geländer, die sich hervorragend zum Entlanghangeln eigneten.
Nachdem wir eine der eisbedeckten Stufen hinunter gestiegen waren, standen wir inmitten des Felsens. Es erinnerte mich an den Vorhof einer Burg. Es fehlte tatsächlich nur der Drache, der auf den Steinen landete, um den Eindruck zu komplettieren.

Nach dem Abstiegschlittern fanden wir das kleine Kassenhäuschen und erkunden die linksseitigen Tyssaer Wände. Logischer Weise, wenn es etwas Großes gibt, gibt es auch etwas kleines. Die linksseitigen Felsen sind als die Kleinen Wände, oder Steine, auf der Karte zu finden.
Die Kleinen Tyssaer Wände sind niedriger, stärker zerklüftet und erinnern viel mehr an ein Labyrinth, in dem man sich viel zu einfach verirren kann. Nur wenige der Felsen sind begehbar. Dafür sieht man hier die typischen Spuren der Verwitterung im Sandstein: Waben, Sanduhren, schiefe Schichtungen, Höhlen, Durchgänge.


Ich weiß nicht mehr, wie lange wir durch dieses Labyrinth gingen. Einen Weg mussten wir nicht wirklich suchen – zum einen der guten Orientierung sei Dank, zum anderen sind die Felsen in Laufrichtung nummeriert. Verlaufen also quasi ausgeschlossen.
Nachdem jeder Felsen mindestens zwei mal umrundet, jeder begehbare Felsen begangen, alles mindestens drölfzig mal fotografiert und die Nase vom auffrischenden Wind rot war, folgten wir dem Weg zurück zum Auto. Genau zum richtigen Zeitpunkt: Schneeregen setzte ein, der uns beinahe den ganzen Rückweg nach Dresden begleitete. „Wie gut, dass zu Hause die warme Kuscheldecke wartet“, dachte ich ganz bei mir.



Ein Kommentar zu “Die Tyssaer Wände”