Oder: Was bleibt, wenn nichts zu bleiben scheint.
Spaziergänge sind eine schöne Sache. Also spazierte ich in eine Runde ums Märchenschloss Moritzburg und in meinen Erinnerungen zum 2. Januar.
Unweit Dresdens liegt das einstige Jagdschloss aus dem 16. Jahrhundert, welches im 18. Jahrhundert es sein heutiges Aussehen von August dem Starken bekam, auf einer künstlichen Insel inmitten des Schlossteichs. Was hier sehr nach Fakten klingt, ist im Sonnenuntergang mit Blick Richtung Westen durchaus sehr romantisch anzusehen. Vielleicht sollte ich es im Frühjahr und Sommer einmal so abpassen, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin.
Zum Schloss gehören außerdem das Fasanenschlösschen mit der kleinen Hafenanlage und dem Venusbrunnen, sowie das Hellhaus im nördlichen Friedewald. Mein Spaziergang führte mich ausschließlich um das Hauptschloss sowie seine acht kleinen Wachhäuschen. Der kalte Wind und die früh einsetzende Dunkelheit treiben mich bald nach der Ankunft wieder nach Hause.

Moritzburg war außerdem Schauplatz für eine der vielen Verfilmungen des Märchens „Aschenbrödel“ und wird auch heute immer wieder in Verbindung mit dem Märchen der Gebrüder Grimm gebracht. Vorführungen, Ausstellungen, Fotoshootings – um nur einige Beispiele zu nennen. Im Januar 1973 verlor das Aschenbrödel unter der Regie von Václav Vorlícek auf der Treppe der östlichen Seite des Schlosses ihren rechten Schuh.
Also genau zu der Zeit, in der ich ums Schloss spazierte.
Hand in Hand mit meinen Gedanken flanierte ich entlang der Wege, auf denen bereits Adel und Schauspieler wandelten. Ein seltener Moment, in dem meine Gedanken bei mir sind und nicht über die weite Schlucht eine Brücke oder die tiefen Abgründe eines steilen Hangs davon gleiten. Vielleicht liegt es daran, dass es hier beides nicht gibt.
Nachdem Aschenbrödels Erscheinung alle Anwesenden des Balls in Staunen versetzt, der Prinz sich in sie verliebt hat und er nun um ihre Hand anhielt, stellte Aschenbrödel ihm ein Rätsel:
„Die Wangen sind mit Asche beschmutzt, aber der Schornsteinfeger ist es nicht.
Aschenputtels Rätsel
Ein Hütchen mit Federn, die Armbrust über der Schulter, aber ein Jäger ist es nicht.
Zum Dritten: Ein silbergewirktes Kleid mit Schleppe zum Ball, aber eine Prinzessin ist es nicht, mein holder Herr.“
„Typisch Frau“, könnte man denken. Vielleicht ist es das auch. Der Wunsch hinter dem Rätsel ist aber ein sehr schöner – und für mich so nachvollziehbar. Sie wünscht sich, von ihm gefunden zu werden.
Mein inneres Ich befühlt eine der Narben, die es aus seiner Vergangenheit mit sich trägt. Manchmal ziehen und zwicken sie mehr, als ich mir selbst eingestehen möchte.
Wie oft ich schon glaubte, dieses unnütze und viel zu schwere Gepäck hinter mir gelassen zu haben? Ich weiß es inzwischen nicht mehr.
Jedes Mal schnellte es von dort, wo ich es gelassen hatte, wie von einem Gummiband gezogen, zu mir zurück. Traf genau den wunden Punkt, der grade verheilt war – genau den Punkt, den es nicht treffen sollte. Je länger das Gepäck irgendwo stand, desto länger das Gummiband, desto heftiger der Aufprall.
Möchten mir mein ungeliebtes Gepäck, mein inneres Ich damit vielleicht etwas sagen? Ist es ein Rätsel, das ich noch nicht in Gänze verstanden habe?

Der Wasserstand im künstlichen Schlossteich ist so niedrig, dass die Gänse gedrungen stehen. Ihre Füße versinken im weichen Boden, es macht den Eindruck, als stünden sie bis zum Bauch im Matsch. Obwohl ich weiß, dass Enten, Gänse und Schwäne ihre Füße durch einen speziellen Vorgang warm halten, frage ich mich, ob sie, wie ich, kalte Füße haben…
Das ferne Geplapper der anderen Spazierenden wird vom leichten Wind davon geweht. Ich beobachte Teenager, die sich gegenseitig in Pose gesetzt fotografieren. Ich muss schmunzeln. Die einzige, die heute von mir in Szene gesetzt wird, ist Wanda.

Auf meinem Spaziergang kam mir ein neuer Gedanke; einer der mich der Lösung des Rätsels vielleicht ein wenig näher brachte. Es ist gleichermaßen logisch, simpel und so naheliegend: Warum sollte ich das, was mich ausmacht, hinter mir lassen, wenn es sich mit dieser Vehemenz dagegen wehrt? Warum sollte ich überhaupt etwas tun, nur weil es andere wünschen, es von mir erwarten? Sind diese Wünsche und Erwartungen denn meine eigenen? Wie war das gleich mit den zu großen Schuhen und dem Rennen?!
Gibt es keinen anderen Weg? Einen, der für mich und mein Gepäck geeigneter wäre? Ausmisten und Aufarbeiten wären sinnvoll. Beides habe ich getan, beides tue ich nach wie vor. Was ich meine ist Akzeptanz.
Aschenbrödel akzeptierte, dass sie (zumindest vorübergehend) nicht zum Ball gehen würde. Natürlich war sie traurig, akzeptierte ihr Schicksal – und bekam Hilfe vom Universum (in Form von Tauben und Spatzen).
Also schlussfolgere ich mal: akzeptiere ich mein Gepäck, meine blauen Flecken und Narben, wird es einfacher.
Ich akzeptiere, wer ich bin – und wie ich bin, was ich erlebte. Sehe es als Kapitel in meinem Buch, als Erfahrungen, die ich machen musste um der Mensch zu werden, der ich irgendwann sein muss – sein kann; sein darf.
Den Wind kann man nicht ändern, die Segel aber anders setzen. Der Tag, an dem man geboren wird, ist nicht der Tag, an dem man sich entscheidet, sein eigenes Leben zu leben.
Alles andere wird sich von ganz allein finden – auch wenn die Welt manchmal Kopf steht, kein Stein auf dem anderen liegt und nichts zu bleiben scheint. Es scheint nur so; haben sich die Wellen gelegt wird die Sicht auch wieder klarer.
Das Universum weiß es.

Und ja, ich habe für die beinahe abgedroschenen Sätze am Ende, einen (oder zwei) Taler ins Phrasenschwein geworfen. Die Sache mit diesen „Sprüchen“ ist meiner Meinung nach folgende: Fühlt man sie, spürt man eine Verbindung, berühren sie unsere Seele, unser Herz, unseren Geist, können sie einem tatsächlich ein bisschen Licht und Wärme schenken.