Spaziergang zur Hängeseilbrücke Geierlay

Oder von unüberwindbaren Mauern und Grenzen.

Irgendwann hatte ich diese imaginäre Checkliste auf der vor den drei roten Ausrufezeichen „Die Pfalz entdecken“ stand. Die Hotspots gehören auch dazu – also auch die Hängeseilbrücke Geierlay unweit von Mörsdorf, Sosberg und Forst im Hunsrück. Lange Reise, großes Ziel.

Der Zug glitt mit immer schneller werdender, sanft schaukelnder Eile aus dem Bahnhof ins Dunkel des frühen Abends. Es war Februar (2022) und die Tage viel zu kurz.
Ich ließ meinen Blick über die Leuchtreklamen in unmittelbarer Nähe schweifen, die mir aus einer anderen Zeit noch so bekannt vorkamen. Früher, zur Zeit meiner Ausbildung, habe ich sie täglich gesehen. All die Jahre, die ich nicht mehr hier war, haben sich die bunten Lichter kaum verändert. In diesem Moment im Zug war ich da und war ich es doch nicht. Ich war auf der Durchreise.

Viel hat sich nicht geändert; außer ich mich selbst.

Der Weg zur Brücke, gut gekennzeichnet, Verlaufen ausgeschlossen.

Ich erinnerte mich, wie meine Oma mir als kleines Kind immer erzählte: „Aus der Westhalle des Hauptbahnhofes in Leipzig fahren die Züge Richtung Westen ab.“ Ehrfürchtig blickte sie dabei in Richtung der Gleise eins bis zehn. Für sie, die das geteilte Deutschland erlebte, hatte dieser Satz eine ganz andere Bedeutung als er für mich je haben wird. War es für sie ihr Leben, sind diese Erinnerungen für mich nur Geister aus vergangenen Zeiten. Heute glaube ich, in ihren Worten viel Trauer, Wut und Erinnerungen gehört zu haben. Als Kind konnte ich die Bedeutung dessen nicht ansatzweise verstehen.

In genau so einem Zug, der grade aus dem flächenmäßig größten Kopfbahnhof Europas gen Westen durch die frühe Nacht glitt, saß ich. Erstes Zwischenziel mit Aufenthalt: Köln. Danach: Die Hängeseilbrücke Geierlay. Rückblickend Anfang und Ende in einer Reise.
Etwa neunzig Minuten Fahrt lagen bereits hinter mir, nur noch etwa sechs Stunden und dreißig Minuten, die ich auf meinem reservierten Platz verbringen würde. Wenn meine Nase nicht in meinen Notizen steckte, steckte sie in einem Buch:

„Gleichwohl braucht es immer eine gewisse Zeit, ehe man auf einer Pilgerschaft das findet, was man sucht. Manchmal fällt es einem ganz einfach zu, was man lange entbehrt und vermisst hat. Ohne jede Vorahnung ist man plötzlich zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Der Zufall wird zur Fügung. Doch Wunder gibt es nicht.“

Achill Moser „Zu Fuß hält die Seele Schritt.“ Atlantik, 2016
Durchaus 360 beeindruckende und respekteinflößende Meter, auch für Wanda.

Auf den Ohren Musik ist der Geist auf einer anderen Reise als der Körper.
Erinnerungen, Gedanken jüngerer und älterer Vergangenheit. Wünsche und Hoffnungen für die Zukunft. Alles verschwamm miteinander, wie die immer schneller werdenden Lichter draußen. Sie nehmen mich mit, auf ihre ganz eigene Reise.

Mauern und Grenzen wurden friedlich überwunden, weil es Menschen gab, die Hoffnung hatten. Weil Menschen glaubten, dass diese eine politische Grenze keine Grenze für Familien und Liebe ist. Heute weiß ich: so viel Leid, so viel Schmerz auf einer Länge von 1.378 km. An den 161 km, an denen die Mauer tatsächlich stand, war er vermutlich noch größer.

Mauern und Grenzen trennen Menschen. Nicht nur, weil es politisch so entschieden wurde. Viel mehr sind es auch unsere eigenen Mauern und Grenzen, die uns von dem trennen, was wir eigentlich wollen. Oder die Grenzen des anderen, die gewahrt werden sollten. Grenzen sind Grenzen.
Egal aus welcher Richtung man es betrachtet, für mich steht die Frage nach dem „Warum“ im Raum: Warum gibt diese Grenzen?

Und sie ist genau so mutig wie ich. Welche Wahl hat sie auch?! ^^‘.

Wie oft ging es mir in den letzten Tagen, Wochen, Monaten – sogar Jahren – durch den Kopf: „Ich kann das nicht!“ Fragte mein Geist dann weiter: „Ja, aber warum denn nicht?! Es ist doch so einfach!“, kamen Stille und Dunkelheit. Die Vorboten der Angst, die alles umklammert und mit ihrer Kälte alles erfriert, was im Augenblick erblühen wollte.

Angst. Der Grund meiner Reise ist Angst.
Der Wunsch meiner Reise: wenn ich mit dem Zug auf dem Rückweg wieder durch die Nacht von West nach Ost gleite, habe ich weniger Angst. Etwas Altes werde ich hinter mir lassen, dafür etwas Neues mitnehmen.
In diesem speziellen Fall ist die Angst greifbar: Eine Brücke, aufgehangen an ein paar Pfeilern, überspannt sie eine Tiefe von knapp 100 Metern und eine Länge von etwa 360 Metern.
Ich würde es nicht Höhenangst nennen, es ist mehr ein äußerst großes Unwohlsein in luftigen Höhen. (Ja, auch nach längeren Pausen beim Bouldern verspüre ich mit drei Metern Bodenabstand und dem Wissen einer weichen Matte unter mir genau das gleiche Gefühl.)
Jedes Mal wenn ich mich auf einer Brücke bewege, an einem Abgrund stehe, eine Stiege hinaufklettere, an der Wand bin: immer begleitet mich das Rauschen in den Ohren und das Kribbeln, dass sich vom Bauch aus bis in die Haarspitzen ausbreitet und ins Unermessliche steigt. An diesem Punkt höre ich meistens auf zu atmen, unbewusst. Hitze steigt in mir auf, bis meine Hände fast klatschnass sind und auf meinem Nacken ein klammer Film liegt.

Ich schloss die Augen.
Atmete die kalte frische Luft ein, spürte die Sonne in meinem Gesicht und das Kribbeln, das sich von meinem Magen aus seinen Weg in die Haarspitzen suchte. Heftiger als sonst, traf es mich. Mit geschlossenen Augen stellte ich einen Fuß vor den anderen. Die Hände links und rechts das Geländer der Brücke fest umklammert. Ich spürte, wie die Innenseiten meiner Handschuhe klamm wurden, meine Fingerspitzen eiskalt. Der Wille trieb den Körper an: „Wir können das. Wir sind stark. Wir sind bis hier her gekommen, wir kommen auch auf die andere Seite.“

Drei Millimeter mutig. Manchmal stehen sie mir, manchmal nicht.

Und tatsächlich: ich stand auf der anderen Seite. Keine Ahnung wie genau – vermutlich mit einem Fuß vor dem anderen. Der mechanische Ablauf von Bewegung, ohne Beteiligung des Geistes. Funktionieren eben.
Das Gefühl auf der anderen Seite war berauschend. Ich fühlte mich mutig, stark und ein bisschen unbesiegbar. So, als könnte ich alles erreichen – so, als würde ich mir selbst nicht im Weg stehen.
Auf dem Weg zurück ließ ich eine Hand entspannt über das Geländer gleiten, die andere wärmte sich in der Tasche meiner Weste. Um den Moment wirklich zu spüren, verstaute ich die Handschuhe in der kleinen Bauchtasche, die ich lieber schräg um den Rücken trug. Die Kälte des Metalls an meinen Fingerspitzen, der Wind um die Nasenspitze, die leichten Schwingungen der Brücke im Wind, die Vibrationen ausgelöst durch die Bewegung der anderen Spaziergänger. Den eigenen Blick nicht einfach nur starr aufs Ziel gerichtet, genoss ich den Ausblick, der sich von der Brücke bot. Ich traute mich zwei bis fünf Bilder aufzunehmen. Alle ein bisschen schief, alle ein bisschen verwackelt. Wer grade gelernt hat zu stehen, ist im Rennen noch nicht so gut. Aber ich lief immerhin.

Die Hängeseilbrücke in ihrer ganzen Pracht.

Für jene, denen es leicht fällt über ihre Schatten zu springen und ihre eigenen Mauern einzureißen ist es keine große Sache. Es sind nur 360 Meter.
Manchmal sind die Mauern in unserem Kopf viel höher, die Brücken viel länger – wenn es sie überhaupt gibt und da nicht nur ein unüberwindbares Tal ist.
Grenzen sind Grenzen. Manche überwindet man einfach, manche schwerer und manche vielleicht nie. Wir beachten diese Grenzen aus Angst oder weil es nicht unsere Grenzen sind. Wir respektieren sie, auch wenn es uns noch so schwer fällt und innerlich zerreißt. Grenzen in Köpfen sind so viel schwerer zu ertragen als eine Mauer, die man sehen und einreißen kann.

Die Aussicht von der Brücke.

Eine Heimreise gen Osten und ein knappes Jahr später sitze ich hier, schreibe diese Worte und stehe wieder vor Mauern und Grenzen. Vor denen anderer, vor meinen eigenen. Ich wünsche mich zurück auf die Mitte der Brücke. Das Kribbeln, das Rauschen in den Ohren, das Gefühl lebendig zu sein – ein Stück weit auch überhaupt etwas fühlen. Zurück an ein Ende, zurück an einen Anfang.
Die Reise nach Hause war eine zeitlang wirklich die Reise nach Hause. Rückblickend betrachtet war sie etwas anderes. Eigentlich weiß ich es, eigentlich sollte es leicht sein.
Eigentlich braucht das Herz manchmal so viel länger um zu verstehen, was der Kopf schon weiß. Also sitze ich weiter am Abgrund, lasse die Beine baumeln, genieße den Ausblick und lasse das Leben eine Zeit lang einfach das Leben sein. Irgendwann werde ich wieder auf der Mitte der Brücke stehen, lebendig sein und mich auch so fühlen.

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