Oder: Von Burgen, Einhörnern und ewig wachenden Hunden
Eigentlich ist schon Herbst. Eigentlich ist das Wetter schon nicht mehr so schön. Eigentlich wird es schon viel zu früh dunkel. Eigentlich hätte ich früher losfahren sollen. Eigentlich sollte die erste Tour mit Holly keine lange Tour werden. Wie gesagt: eigentlich. Am Ende wäre es nicht typisch ich, wenn es nicht eigentlich anders und nicht eigentlich auch ein wenig unvernünftig gewesen wäre.
(„[…]Vernünftig – wer ist das schon? Ich bin ich und du bist du. Das ist alles, was ich weiß […] Aber was kann das schon bedeuten?“)
Die Greifensteine im Erzgebirge waren das erklärte Ziel.
13:00 Uhr war das einzige Monster weit und breit lediglich der Berufsverkehr, der sich von Dresden Richtung Freiberg schob. Wer zwei Stunden später als geplant startet, muss sich eigentlich auch nicht wundern. Aber wer kennt es nicht: langer Abend, kurze Nacht, morgens ist das Bett auf einmal doch so bequem…
Immerhin war das Wetter, glücklicher Weise, besser als eigentlich gemeldet: leicht bewölkt und sonnige 20°C strahlten mir vom Thermometer entgegen. Bestes Wetter um Einhörner zu jagen. Ich hoffte, dass es kleine Einhörner sind, mit kurzen Beinen – denn mit ihren knapp 50 km/h ist Holly eher gemütlich unterwegs. Also mehr so kleine Ponys mit Magie.
Am ersten Stop hinter Freiberg hämmerte mein Schädel, das einzige was ich sah, waren Sterne statt Einhörner. Klassischer Anfängerfehler: Der Haargummi meines Pferdeschwanzes drückte im Helm ungünstig auf den Hinterkopf. Einmal Frisur neu richten sorgte für sofortige Linderung mit klarem Blick: mit einem geflochtenem Zopf fuhr es sich gleich viel, viel angenehmer und statt nach Sternen konnte ich nun wieder nach Einhörnern Ausschau halten.

Vielleicht kommt grade die Frage auf: Was zum Kuckuck hat sie eigentlich immer mit ihren Einhörnern? Was meint sie damit?
Natürlich ist mir vollkommen klar, dass es so keine Einhörner gibt. Aber eigentlich irgendwie schon…Kennt ihr den Film „nur noch 60 Sekunden“ mit Nicolas Cage? Kurz umrissen geht es um eine Bande, die Autos stiehlt. Eines der Fahrzeuge ist das „Einhorn“, ein Shelby Mustang GT 500. Beim Diebstahl um dieses besondere Fahrzeug ging in der Vergangenheit immer irgendetwas schief, nie konnte dieses Auto erfolgreich gestohlen werden. Deswegen bekommt es neben dem Codenamen „Eleanor“ auch den Namen „Einhorn“.
Selten, schwer zu finden, fast unmöglich zu fangen, trotzdem begehrt und einfach magisch, mit einem sehr individuellen, unbezahlbaren Wert.
Für mich sind Einhörner natürlich keine Autos. Für mich sind Einhörner besondere Momente. Augenblicke in denen Zeit zu Glück wird, in denen ich in meiner persönlichen Mitte stehe, ganz bei mir bin, das Momentum genieße und die Magie des Universums spüren kann. Zeit in der ich weiß: Es wird alles gut, alles ergibt irgendwann einen Sinn. Minuten, Stunden, Tage, die ich mit besonderen Menschen teilen kann – und in denen ich genau so auch einfach nur mit und bei mir sein kann. Augenblicke, die ich am liebsten zur Unendlichkeit ausdehnen würde, die aber eigentlich viel zu schnell Vergangenheit sind.
Viele der Touren, Unternehmungen und Erinnerungen über die ich schreibe, sind solche Momente für mich. Wenngleich sie auch mit nachdenklichen Gedanken einherkommen, ist die Zeit unterwegs für mich ein Einhorn.

An einem kleinen Parkplatz scheint die Zeit tatsächlich stehen geblieben zu sein. Parkmöglichkeiten, ein Imbisshäuschen mit Bockwurst und Co sind das Highlight. An diesem Ort sind die 1990er Jahre aktueller denn je. Der Verkaufsstand spricht für sich.
Apropos Zeitreise… Manchmal wünsche ich mir in die Zukunft sehen zu können. Meine Aussage „Am Ende wird alles gut“ beruht eher auf einer beinahe grenzenlosen Hoffnung, statt auf Wissen. Manchmal wäre es schön, zu wissen was man hofft.
Mindestens genau so oft wünsche ich mir in die Vergangenheit reisen zu können. Nicht nur im Geiste durch die Erinnerungen zu spazieren, sondern wirklich dort zu sein. Momente wieder und wieder zu erleben. Diese im vollen Bewusstsein ihrer Vergänglichkeit wahrzunehmen um jedes Detail aufzusaugen. Nicht, dass ich nicht genau das im Augenblick des Erlebens versuche, ich habe nur immer wieder das Gefühl, dass mir so viele Dinge wie Wasser durch die Hände zu gleiten scheint.
Zurück in die Realität… Ich nutzte diese Pause um mir bei Amazon ein paar dickere Handschuhe zu bestellen. Der kühle Fahrtwind, der auf den zunehmend schattigen Waldstraßen herrschte, krabbelte langsam in meine zu dünnen Fahrradhandschuhe. Der wärmende Becher der Thermokanne hielt leider nicht all zu lange vor. Und außerdem macht es sich nicht besonders gut den Becher während der Fahrt festzuhalten.

Während ich den Straßen weiter durch kleine und große Orte folgte, kommen meine Gedanken zur Ruhe. In den größeren Städten geht mir hier und da durch den Kopf: „Oh, hier könnte ich unseren Fotografen mal vorbei schicken; hier haben wir Auftraggeber von deren Filialen wir noch keine Aufnahmen verwendet haben.“ In kleinen Dörfern bewundere ich die winzigen Häuschen, noch bunt blühende Vorgärten, muss beim Anblick von Rentnern schmunzeln, die auf der Fensterbank lehnen und das Treiben auf den Straßen beobachten.
Auf den Landstraßen lasse ich meinen Blick über die weiten Felder fliegen, genieße das Schauspiel von Licht und Schatten, das Sonne und Wolken inszenieren.
In den bewaldeten Abschnitten der Tour wirbelten Autos bunte Blätter auf, mein Blick schweift in die Wälder, die durch das einfallende Licht golden zu glühen schienen.

Als ich das Ziel endlich erreichte, leuchteten nicht nur die Wälder, sondern auch der Sonnenuntergang. Es ist etwa 17:30/18:00 Uhr. Ich beeilte mich auf den Aussichtspunkt zu gelangen um den Sonnenuntergang genießen zu können. Meine kalten Füße ignoriere ich.
Die Greifensteine liegen im Erzgebirge, im Geyerschen Wald. Die Orte Ehrenfriedersdorf, Geyer, Jahnsbach und Thum sind die nächsten Orte.
Insgesamt besteht die Formation aus sieben Granitfelsen, der höchste misst etwa 731 Meter. Um 1200 hat dort eine Burg gestanden. Der Name „Greifenstein“ ist ein typischer Name für Burgen aus dieser Zeit, in Deutschland gibt es mehrere Burgen mit gleichem Namen.
Der Aussichtspunkt, den man nach einem kleinen Entgelt in Form von 1,- € betreten kann, ist Teil der Burgruine.
Touristisch ist das Gebiet ausgesprochen gut erschlossen: eine Kletterschule, Wandern, ein Besucherbergwerk, die Touristeninformation inklusive Restaurant am Fuße der alten Burg – für Naturliebhaber ein schönes Ziel, an dem man sich durchaus mehr als zwei bis drei Stunden aufhalten kann. Viel gibt es zu entdecken, Potenzial für viele goldene Momente und einmalige Erinnerungen.

Woran ich mich auch noch erinnere…
In der Ruine der Burg gibt es einen Geldkeller. Um diesen rankt sich eine Sage:
Eine Magd, die im näheren Umkreis der Ruine Gras sammelte, hörte eine Stimme ihren Namen rufen. Sie sah sich um, fand den Zugang zur Höhle hinter hohem Gras und Sträuchern versteckt. Sie sprach sich an den folgenden Tagen mit einer anderen Magd ab, sie wollte in die Höhle kriechen um nach der Quelle der Rufe zu suchen. Sollte ihr etwas geschehen, sollte die andere Magd sie zurück ziehen. Gesagt – getan, beide Mägde suchten die Höhle auf. Eine Magd kroch in die Höhle. Sie fand einen großen Kasten mit Gold und Geld, daneben lag ein Hund. Die Stimme erklang wieder und befahl der Magd ihr Grastuch mit den Reichtümern zu füllen. Als die Magd wieder zum Eingang kroch, wurde dieser kleiner und kleiner, bis er zu verschwinden drohte. Sie rief sodann um Hilfe, der Hund sprang ihr bei, scharrte das Geld und Gold aus dem Tuch. Unter dem Schrecken der Erlebnisse, ließ sich die eine Magd von der anderen aus dem verbleibenden Spalt ziehen. Drei Tage nach diesem Ereignis soll die Magd verstorben sein.
Auch heute sitzt der Hund noch in der Höhle und wacht über den Schatz der Burg.

Die Kälte der Füße krabbelte nach oben, während ich mich in der nahen Umgebung des Parkplatzes umsah. Ich entschloss mich die Wärme des nahen Berghotels und des dazugehörigen Restaurants in Anspruch zu nehmen. Ein leckeres, vegetarisches Abendessen und zwei warme Füße später, finde ich mich auf Hollys Buckel wieder.
Irgendwie muss ich ja noch zurück nach Hause.
Die Rückfahrt im Dunkel zieht sich. Was mit dem Auto über die Autobahn in etwa anderthalb Stunden gemacht ist, dauert auf mit Holly etwas länger. Nach etwa vier Stunden, inklusive Pausen, würde ich den Roller mit schmerzendem Rücken abstellen und mich auf eine sehr, sehr warme Dusche freuen.
Während der Fahrt fragte ich mich, woher die Sagen um verwunschenes Gold, ewig wachende Hunde, Einhörner und Greifen wohl kommen mögen. Der Gedanke, dass da jemand einfach mal irgendwo irgendwas gesehen haben will und seit dem maßlos übertreibt, ist irgendwie nicht so richtig zufriedenstellend. Mir drängt sich in diesem Zusammenhang auch immer die Frage auf, wie diese unglaublich schönen und gleichermaßen auch kitschigen Liebeslieder entstehen… Irgendjemand muss es doch irgendwann auch einmal gefühlt haben.
Vielleicht hat also irgendwann irgendjemand ein Einhorn gesehen.


Anmerkung:
Ich habe diese Fahrt nicht allein unternommen. Aus gegebenen Anlass erzähle ich sie aus meiner Perspektive und lasse alle anderen Aspekte aus persönlichen Gründen aus.
Ein Kommentar zu “Mit Holly zu den Greifensteinen”