Oder: Runde Dinge sind eine schöne Sache.
Der Rauenstein wird jedem, der die Sächsische Schweiz kennt, ein Begriff sein. Für alle anderen: Der 303 m hohe Tafelberg liegt linksseitig in der Elbeschleife. Die Schleife selbst ist leider nicht in Gänze zu sehen, von der linken Plateau-Seite aus kann man einen Blick auf das fließende Gewässer erhaschen. (Möchte man den Fluss in seiner Länge bewundern, empfehle ich persönlich die Kipphornaussicht – von dort aus hat man einen wunderbaren Blick von der Böhmischen bis in die Sächsische Schweiz, inklusive Elbe.)
Touristisch erschlossen ist der Berg seit 1884, seit 1893 gibt es eine Berggaststätte in der sich müde Wandernde stärken können, während sie den Ausblick genießen. Von deftigen über süße Speisen bis hin zu warmen und kalten Getränken wird dem Hungrigen gegen ein entsprechendes Entgelt alles geboten.


Die Runde von Wehlen auf den Rauenstein begann für mich und meine Begleitung auf dem kleinen Parkplatz, an dem ich auf dem 1.1.2022 schon einmal stand. Meine Gedanken damals: Alles wird gut. Am Ende wird alles gut. Und so lange es nicht gut ist, ist es nicht das Ende. Alles auf Neuanfang, alles von vorn. Nur diesmal mit Happy End.
Während am 26.12. viele Familien noch gemeinsam an der weihnachtlichen Mittagstafel saßen, sich Gans, Klöße und Rotkraut schmecken ließen, schulterten wir unsere Rucksäcke und machten uns auf den Weg. Hier und da roch es aus den gekippten Küchenfenstern nach den aufgetischten Köstlichkeiten. Zugegeben: bei diesen Gerüchen bekam ich durchaus ein klein wenig Hunger.
Die Rucksäcke sind klein, nur sporadisch gepackt. Etwas zu trinken, Handschuhe, Mütze, Wanderkarte, die Sphäre, Wanda. Es ist eine kurze Runde, also kein Grund übermäßig viel Gepäck mitzunehmen. Wir verließen den Parkplatz am Rauensteinweg in Richtung Robert-Sterl-Straße und überquerten rechtsseitig das Schafbornbächel, um gleich wieder rechts abzubiegen auf den Rauensteinweg. Es folgte der erste (und einzige) Anstieg des Tages auf das Plateau des Rauensteins. Die lange Abstinenz vom Wandern machte sich schnell bemerkbar, auf dem gar nicht so steilem Anstieg fehlte mir ein wenig die Luft. Dennoch erreichten wir das Plateau ohne ein Sauerstoffzelt zu benötigen.

Die kahlen Bäume ließen die matschigen Wege unnatürlich breit wirken. Das Geräusch des patschenden Schlamms unter meinen Füßen, rief mir sofort den Adventure Walk im Thüringer Wald ins Gedächtnis. Ich glaube mir ein latentes Matsch-Trauma zu gezogen zu haben. Schnell schob ich den Gedanken wieder bei Seite und zog meine Gedanken ins jetzt: „Waren die Wege Anfang des Jahres auch schon so breit?“, fragte ich mich. Der Baumschlag und die Folgen des Borkenkäfers waren unübersehbar. Eine weitere Frage ging mir durch den Kopf: „Wie sieht wohl die Gegend aus, in der im Sommer noch die verheerenden Waldbrände wüteten?“ Befangenheit machte sich für einen Moment lang breit.
Umso kleiner das Gepäck im Rucksack, desto größer das Gepäck im Kopf. Noch immer fuhr das Gedankenkarussell viel zu schnell. Kaum hatte ich eine Antwort, änderte sich die Frage. Viele lose Enden, ohne Knoten und Fähnchen daran. Zu viele.
Zog ich an einem Ende, klingelte es in irgendeiner anderen Ecke. Zog ich am anderen Ende bewegte sich gar nichts. Am nächsten Ende, an dem ich zog, zog sich der Knoten nur noch enger zu. Es war verflixt und zugenäht. Eine Acht, in der man festhängt. Weder Anfang noch Ende, trotzdem ständige Bewegung. So schön schaukeln auch ist, man kommt einfach nicht von der Stelle.

An diesem Tag, an diesem Ort – am 26.12. auf dem Rauenstein – löste sich der Knoten quasi von selbst. Alle Fäden schienen sich wie von Zauberhand von selbst zu entwirren. Je länger ich lief, je mehr ich meinen Blick in die Weite schweifen lassen konnte, desto freier wurde der Kopf – und die Gedanken.
Die Gedanken sind frei.
Es war keine Acht, es war ein Kreis, der mich gefangen hielt. An diesem Tag, mit genügend Abstand, von etwas weiter oben und mit ein wenig mehr Wissen, konnte ich es genau erkennen.
Ziemlich genau vor einem Jahr, stand ich genau hier und sagte mir: „Dieses Jahr wird besser als das Jahr zuvor. Wo herrschte Unruhe, wo wollte ich Ordnung ins Chaos bringen?“ fragte ich mich. Mir bewusst zu sein, woher ich kam ist ein nicht unerheblicher Teil der Frage wohin ich wollte. Soweit war ich vor ziemlich genau einem Jahr auch schon. An diesem Ort ergab es Sinn. Anfang und Ende, der Kreis schloss sich. Eine runde Sache.
Unterm Strich ist es am Ende ziemlich einfach: Ich habe dieses Jahr eine Ehrenrunde gedreht. Ich habe mir einen Nachschlag 2020 und 2021 abgeholt. 2022 war an sich kein schlechtes Jahr, ich habe viel erlebt und rückblickend auch viel gelernt.
Das Universum hat mir mit Nachdruck noch einmal vermittelt, was wichtig sein sollte. Was ich lieber bleiben lassen sollte, was wirklich wert hat und vor allem: wie man diesen Wert erkennt und wovon man am besten die Finger lassen sollte.

Wurde mir in der Vergangenheit nachgesagt, ich hätte keine Prinzipien – oder würde „meine eigenen Prinzipien“ ständig brechen, lag es wohl daran, dass es nicht meine eigenen Prinzipien waren. Ich habe versucht in Schuhen zu rennen, die mir gar nicht richtig passten, bevor ich lernte zu laufen.
Achtung Spoiler: Natürlich ist mir beim Stolpern alles um die Ohren geflogen, was nur ging. Umgangssprachlich bin ich wohl einfach mörderisch auf die Fresse geflogen.
Heute, mit viel Abstand, noch mehr Auseinandersetzung mit dem Thema und mir selbst, kann ich das so sagen. So leicht es jetzt klingen mag, für mich war es mein persönlicher Mount Everest. 2022 – höher hinaus und tiefer unter die Haut als alle Jahre zuvor.
Passender Weise habe ich in diesem sozialen Netzwerk mit dem regenbogenenfarbenen Logo einen passenden Spruch gefunden. Leider habe ich mir diesen selbstverständlich nicht gespeichert. Sinngemäß sagte er aus: „Liebes 2022, wir haben jetzt Dezember. Ich wäre dann jetzt bereit für das Happy End.“

Was soll ich sagen … nach dieser Wanderung hatte ich mein ganz persönliches Happy End. Versöhnung mit mir selbst, Gedankenenden an denen sich Knoten und Fähnchen befinden, einen aufgeräumten Kopf und einen Ausblick in eine durchaus sonnige Zukunft. Allein sein, heißt nicht gleich einsam sein. Auf sich selbst zu achten, heißt nicht gleich egoistisch zu sein. Seine Grenzen aufzuzeigen heißt nicht, einen anderen Menschen auszusperren. Die Grenzen anderer sind selten die eigenen Grenzen. Und die eigenen Grenzen sind selten die der anderen.
2022 und ich hatten nach sehr viel Auf und Ab einen versöhnlichen Abschluss miteinander. Wer los lässt, hat die Hände frei. Und am Ende wird eben doch alles gut.
Wir beendeten die kleine Tour mit dem Abstieg und der Umrundung des Rauensteins. Passender Weise spülte ein kurzer Schauer die schweren Gedanken fort und als wir den Parkplatz erreichten, dämmerte es bereits.
Zugegeben: an der ein oder anderen Stelle hielten wir uns sehr lange auf – verhältnismäßig sind auch relativ wenig Bilder entstanden. Dafür war es eine gute Wanderung, „eine gute Unterhaltung“*.


* „eine gute Unterhaltung“: in diesem Fall eine Anlehnung an das Zitat „Last Samurai“ (Ziemlich versteckter Insider 😉)