Oder: Eine philosophische Wanderung vom Glück (und der späten nachfolgenden Erkenntnis, dass Glück und Unglück nur eine Messerschneide voneinander entfernt liegen.)

Aber von Anfang an… wie immer:
Meine Gedanken schweifen zurück, zum Jahresanfang – es ist Anfang/Mitte März, der Umzug lag grade hinter mir und die Nichtverfügbarkeit des ein oder anderen Möbelstückes aus dem blau gelben Einrichtungshauses hatte meinen Zeitplan ein wenig über den Haufen geworfen. Als Gedankenstütze liegt mein kleines, braunes Wandertourentagebuch neben mir. Der Eintrag ist bestenfalls spärlich – reicht aber vollkommen aus, um mir diese eine besondere vergangene Wanderung ins Gedächtnis zu rufen.
Es war an einem Samstagmorgen, ich war irre stolz auf mich, dass die Brötchen im Ofen noch rechtzeitig fertig wurden und ich sieben Minuten vor der vereinbarten Zeit die Haustür hinter mir ins Schloss fallen hörte. Zu meiner Überraschung sah ich, dass meine Begleitung für diesen Tag schon da war: „Lieber eine Stunde zu früh, als eine Minute zu spät.“
Wir folgten meinem Lieblingsweg über das Blaue Wunder und der Pillnitzer Landstraße hinaus aus Dresden, Richtung Pirna um schließlich unseren Zielort zu erreichen. Ich stellte fest: Inzwischen kann man die Parkgebühren (die sich selbstverständlich erhöht haben) mit EC-Karte bezahlen.
Es war frisch, die knackige Luft füllte die Lungen beim Anstieg über den Wanderweg vorbei am Ökorefugium auf eine angenehme Art und Weise. Obwohl schon März war, trug ich Handschuhe. In meiner warmen Wohnung hatte ich noch überlegt, ob ich sie wirklich einpacken sollte. Nach der Ankunft war ich froh über diese, für meine Verhältnisse, wirklich weitsichtige Entscheidung.

Wir ließen die Heilige Stiege (sie hat noch immer 903 Stufen) hinter uns, genossen bei einer kleinen Portion Obst die Aussicht. Besonders fasziniert war ich von den riesigen Eiszapfen, die wie gläserne Stalaktiten vom Felsen herab wuchsen.
Das erste Zwischenziel der Wanderung war der Carolafelsen – noch immer benannt nach Sachsens letzter Königin Carola Wasa-Holstein-Gottropp, noch immer 453 Meter über Normalnull – noch immer und auch immer wieder eine Wanderung wert.


Während Wanda-Bärbel, das Wandereinhorn, sich weiter Richtung Wilde Hölle tragen ließ, lenkten wir unser Gespräch auf die kleinen Dinge im Leben. Die zentrale Frage der Unterhaltung, wurde die Frage nach dem Glück. Gibt es „Glück“ wirklich? Oder ist unser Empfinden vom Glück eigentlich etwas ganz anderes? Und was haben Karma und Universum damit zu tun? Haben sie damit etwas zu tun? Und überhaupt: Woran soll der Mensch glauben? Vielleicht auch viel mehr: „Woran kann der Mensch glauben?“


Auch wenn ich mich jetzt auf gewagtes Terrain begebe und eine Meinung äußere, sie ist für den weiteren Verlauf des Gesprächs nicht unerheblich: Ich für meinen Teil denke, dass jeder Mensch an das glauben soll/kann/darf, was ihm Kraft gibt. An Gott – wie auch immer dieser heißen mag – an Karma, ans Universum, an andere Menschen – oder an Einhörner und Drachen. Ich glaube ans Universum, an Karma, dass es einen Plan gibt und ich ihn (vielleicht) irgendwann verstehen werde. Wenn man so will: ich glaube an eine höhere Macht, wie auch immer sie aussehen oder heißen mag. Ich glaube daran, dass am Ende alles gut wird und daran, dass es solange es nicht gut ist, es auch nicht das Ende ist. (Man könnte es als naiv, blauäugig und ein wenig weltfremd einstufen. Das aber ist das schöne am Glauben: jeder kann an das Glauben, was ihm Kraft gibt.)
Unser Weg führte vorbei an der Zwillings- und Hentzschelstiege, die wir rechterseits hinter uns ließen. Ich erinnerte mich kurz daran, wie ich diese Stiege in einem Anflug von möglichem Harakiri nach oben kletterte – ohne Sicherung. (Es ist möglich, aber bestenfalls als gewagt zu beschreiben. Etwas, dass ich so definitiv nicht wieder tun würde!)
Die Kommentare der anderen Wandernden auf meine übliche Aussage „Wir müssen da entlang – vertrau mir, ich kenne den Weg.“ überhörte ich geflissentlich. Zu oft hab ich’s inzwischen gehört. Meine Wanderbegleitung springt für mich ein: „Die Frau hat den Plan, ich vertrau‘ ihr.“ Ein Moment Stolz, Wärme und Zuversicht breitete sich in mir aus. Während wir den Wandernden den Rücken zukehrten, unserem Weg folgten, lächlte ich glücklich.
Weiter ging es auf der Affensteinpromenade.

Da ist es wieder – das Glück. Was hat mich in diesem Moment glücklich gemacht? Was macht mich bei der Erinnerung an diesen Moment heute noch glücklich? Es war das Können meiner Begleitung, die mir diesen Moment geschenkt hat.
Wir erörterten: So etwas wie „Glück“ gibt es eigentlich nicht. Es ist nichts, was von anderen Menschen geschaffen – im Sinne von „hergestellt“ – werden kann. Glück ist eine Empfindung. … die worauf beruht? Auf dem Können dritter? Auf glücklichen Zufällen? Darauf, dass dem Schicksal nachgeholfen wurde? Auf so etwas wie Fügung? Oder auch auf Wissen? (Anm.: Jeder hat hier das Recht hier anderer Meinung zu sein.)
Noch einen Abzweig nach links und wir trafen an der Idagrotte ein, es war beinahe menschenleer. So leer hatte ich diesen Ort noch nie gesehen, ließ diese – durchaus beeindruckend große – Höhle auf mich wirken. Kletterte wieder auf den Stein, auf den ich immer kletterte. Ging, wie immer, ein wenig zu nah am Abgrund spazieren, nur um das leichte Kibbeln im Bauch zu spüren, während sich unter mir die Felsen in den Abgrund stürzten. Fasziniert bestaunte ich, wie immer, die Birken und Flechten, die im Felsen Halt suchend wachsen, als wäre es das selbstverständlichste auf der Welt.

Während des Abstieges, den wir auf Grund der einsetzenden Dunkelheit, wieder über den Reitsteig und die Heilige Stiege antraten, hielten wir fest: Glück ist eine Empfindung. Sie basiert, unserer Meinung nach, auf Können, Fügung, Schicksal, Zufall und Wissen. Teilweise dem eigenen Wissen und Können, teilweise dem Wissen und Können Dritter. Zufall, Fügung, Schicksal – das sind die Dinge, die nicht unter menschlichem Einfluss liegen, zumindest nicht in Gänze. Hier ist wieder die eigene Wahrnehmung gefragt, der Blick fürs Detail. Die Achtsamkeit diese Details im Alltag zu erkennen.


Wir traten die Heimreise an. Im Radio lief Max Giesinger mit „Zuhause“. Bis zu diesem Tag, kannte ich dieses Lied nicht. Noch nie habe ich mich in einem Lied so sehr wieder gefunden, wie in diesem. Noch nie in meinem Leben wollte ich so sehr ankommen.
Ich sitze in meinen vier Wänden, das kleine braune Wandertourentagebuch mit den bestenfalls spärlichen Notizen neben mir. Es läuft „Zuhause“.
Ich bin das Mädchen, die Frau, die niemals ankommt – wenngleich das Herz etwas anderes möchte. Also nimmt der Kopf das Herz an die Hand. Beide sitzen, solange sie brauchen, am Abgrund, lassen die Beine baumeln, schauen in die Ferne. Wenn sie bereit sind, werden sie gemeinsam weiter reisen – und vielleicht irgendwann ankommen. Alles zu seiner Zeit.

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