Ein leicht trüber, trotzdem sehr angenehmer Tag im Sommer lag vor uns und ungefähr drölfzigtausend anderen hochmotivierten Wandernden. Der Umstand, dass wir für unsere kleine Wanderung ausgerechnet den Tag ausgesucht hatten, an dem auch der Ultramarsch durch die Sächsische Schweiz stattfand, stellten wir erst mitten auf der Wandertour fest. „Warum sind hier so viele Menschen unterwegs? Wohin wollen die nur alle?!“, fragten wir uns. Natürlich ist die Sächsische Schweiz zu fast jeder Zeit ein gut besuchter Ort, aber dieses Menschenaufkommen war schon anders. Zum Glück trennten sich nach einigen gemeinsamen Kilometern unsere Routen wieder. Aber von Anfang an…

Der Anspruch an unsere Route war gänzlich einfach: wenig Steigung, möglichst ebener Weg – sofern das in der Sächsischen Schweiz eben möglich ist. Die Rundtour begann in Rathen mit einer Fährfahrt über die Elbe. Angenehmer konnte die Wanderung doch gar nicht beginnen?! Wir waren guter Dinge und ich freute mich auf die Bewegung an der frischen Luft. Allerdings kam uns die Fähre zu diesem Zeitpunkt schon unverhältnismäßig voll vor.
Auf der anderen Elbseite spazierten wir durch den malerischen Kurort. Rathen ist Ausgangspunkt für viele Wanderungen: die Schwedenlöcher, die Bastei, der Uttewalder Grund oder der Schleifgrund sind nur einige Beispiele.
Während wir weiter liefen, begegneten uns immer wieder andere Wandernde. Wir schnappten einige Gesprächsfetzen auf: „So und so viele Kilometer haben wir schon.“ oder „Dort und dort ist der nächste Versorgungspunkt“.
Wir verließen den Ort über den Füllhölzelweg, durch den Mordgrund (Warum der wohl so heißt?) und gelangten schließlich zum Polenztalweg. Mit uns all die anderen Menschen.
Weil zu diesem Zeitpunkt das Navigieren noch keine meiner Stärken war, bogen wir rechts statt links ab, passierten eine duftende Sommerwiese und gelangten zur nächsten Weggabelung. Dort fiel mir der kleine Fehler auf und wir gingen unter leichtem Murren meiner Wanderbegleitung zurück. Zum Glück nicht mehr als einen Kilometer. Entgegen kamen uns die Teilnehmer des Ultramarschs. Inzwischen hatten wir die kleinen Wegweiser an den Bäumen ausgemacht. Würden wir zurück zur letzten Kreuzung gelangen und dann unserer Route weiter folgen, würden wir die vielen Menschen hinter uns lassen.



Dem sanften Plätschern der Polenz folgend gelangten wir zum Gasthaus Polenztal. Und siehe da: außer dem kleinen Fluss begleitete uns niemand mehr. Wir ließen das Gasthaus mit der schönen Außenanlage hinter uns und es folgte der steilste Anstieg des Tages: Über Stufen und Leitern gelangten wir auf die Hocksteinhöhe. Das Murren meiner Wanderbegleitung wurde lauter: „Sollte es nicht eine Wanderung ohne große Anstiege werden? „Trepp‘ auf, Trepp‘ ab! Herzlich willkommen in der Sächsischen Schweiz.“, kommentierte ich die Aussage. Der Aufstieg lohnte sich (wie immer): Von oben überblickte man das Dorf Hohnstein, dessen kleine Häuschen wie die einer Modellbahn wirkten. Auch Wanda-Bärbel, das Wandereinhorn zeigte sich beeindruckt.


Während wir Luft holten und den Ausblick genossen, lenkte unser Gespräch in eine schwerere Richtung. Wünsche, Sehnsüchte, Erwartungen. Vergleiche mit anderen. Fragen warum die Dinge seinen, wie sie sind und warum sie mit anderen anders waren. Wieder Vergleiche. Einige Aussagen trafen mich hart und unvorbereitet. Eine Wunde, die grade verheilt war, begann abartig zu schmerzen nur um kurz danach wieder aufzureißen. Ich versuchte den Schmerz und die Gefühle, die mich zu übermannen drohten, beiseite zu schieben. Für diesen Tag gelang es mir, aber der Wind war gesäht. Wer Wind säht…

Die Runde folgt dem Knoten- und Pionierweg zurück nach Rathen. Über den Höllgrund geht es zurück durch den Amselgrund und schließlich über den Basteisteinweg zurück nach Rathen. Die Überfahrt mit der Fähre lässt die Wanderung ausklingen – und das beinahe Wort wörtlich.
Am Elbuferweg befindet sich die Rathener Klangterrasse. Die Terrasse ist versehen mit Säulen, in welche Lautsprecher integriert wurden. Über die Lautsprecher werden einzelne Bestandteile von Musik – also einzelne Signale – übertragen. Bewegt sich der Zuhörende, verändert sich die Lautstärke und die Intensität der einzelnen Signale und die Melodie erscheint in einem ganz anderen Mischungsverhältnis. Es soll der Eindruck entstehen, als stünde man in mitten eines Orchesters. Die Mitte der Terrasse ist die optimale Position für das Klangbild. Gemeinsam mit dem Blick auf die fließende Elbe und die umliegenden Berge, ist es ein wunderbares Erlebnis, die Wanderung enden zu lassen. Es sind die kleinen Dinge, die mein Herz springen ließen – und noch immer lassen.

Ich beobachtete, wie das Wasser die Elbe flussabwärts glitt. Mir kam das chinesische Sprichwort „Der Fluss, den wir sehen, ist niemals der gleiche“ in den Sinn.
Obwohl der Eindruck bestand, dass sich nichts geändert hätte, hatte ich einiges geändert. Innerlich blutete mein Herz still, schwarze Hände griffen nach meinen Gedanken und zogen sie still nach unten.
Zu gern hätte ich die schweren Gedanken einfach mit verklingen lassen. Doch wer Wind säht, wird Sturm ernten. So wucherten aus der frisch aufgerissenen Narbe Dämonen und Geister, die mich fortan begleiteten.
Kein gutes Ende für eine Wanderung, kein gutes Ende für diesen Tag. Doch wäre es nicht dieser Tag gewesen, wäre es ein anderer gewesen. Heute – mit viel Abstand – weiß ich: Es war nötig, damit etwas in mir heilen konnte. Das Universum wusste damals schon, was ich noch nicht sehen wollte. Und das Universum weiß auch: Am Ende wird alles gut. Ist es nicht gut, ist es nicht das Ende.
