Wanderung: Carolafelsen & Idagrotte

Es ist Sonntag, das Wetter ziemlich trüb und nass, mein Auto hat einen platten Reifen und es zieht mich mit keiner einzigen Faser meines Körpers nach draußen. Allein den Müll herauszubringen, hat mich eine unglaubliche Überwindung gekostet, sodass meine Motivation heute nur noch dafür ausreicht, um durch einige Bilder zu stöbern. Während meiner digitalen Zeitreise lande ich im November 2021: Eine Wanderung mit vielen kleinen Highlights durch mein „erweitertes Wohnzimmer“.

Kaum zu glauben, dass die Bilder im November entstanden. Bunte Herbstbäume strahlen in gelb, gold und orange zwischen den toten, vom Borkenkäfer zerfressenen, Nadelhölzern. Am Himmel zogen weiße Wolken, von denen keinerlei Gefahr ausging, die aber umglaublich hübsch anzusehen waren. Ich erinnere mich daran, dass ich viel zu warm angezogen war und bereits auf dem ersten Anstieg meinen Hoodie ausziehen musste.

Wir hatten „Dori“, meinen kleinen, alten Audi, in Schmilka auf dem Parkplatz abgestellt und wie jeder artige Wanderer auch die Tagesparkgebühr gelöhnt. Wie immer 5€, wie immer in Münzen. Durch das Ökorefugium hindurch lag er bereits nach wenigen Metern vor uns: der erste Anstieg des Tages. Bergan über den Wurzelweg durch den Heringsgrund zur Heiligen Stiege und diese dann ebenfalls weiter nach oben zum Aussichtspunkt auf den Carolafelsen. Nicht zum ersten Mal fragte ich mich, wie viele Stufen hier wohl nach oben führen. Es sind 903 Stufen, die eine Höhe von 190 Metern überwinden – recherchierte ich später. Damit ist die Heilige Stiege die Steiganlange mit den meisten Stufen in der Sächsischen Schweiz (und glücklicher Weise ist sie aus beiden Richtungen begehbar.) Der Weg wird zwar als Stiege bezeichnet, ist aber eine gut ausgebaute und hervorragend gesicherte Treppe, die als Wanderweg bezeichnet wird. Sie hat nichts gemein, mit der in der Nähe befindlichen Rübezahlstiege, deren erste Meter man frei und ohne Sicherung klettern muss. (Nur für Erfahrene!)

Der Aufstieg lohnte sich: auf dem Plateau des Carolafelsen bot sich der unvergleichliche Ausblick ins Elbtal. Der 453 m hohe Punkt, der nach Sachsens letzter Königin Carola von Wasa-Holstein-Gottrop benannt ist, war schon oft Ziel oder zumindest Teil meiner Wanderungen.


Ich werde nicht vergessen, wie ich das erste Mal an diesem Felsen stand und meinen Blick vollkommen fasziniert in die Weite schweifen ließ. Es war ein warmer Tag im Sommer und die frische Brise kühlte angenehm. Ich war vollkommen begeistert, dass man durch den Wald läuft, einige Stufen und Leitern hinter sich lässt und auf einmal auf einem Fels steht, der vor einem einfach endet. Eine Sache, die einem in der Sächsischen Schweiz durchaus recht oft passieren kann, für mich aber immer wieder überraschend ist.
Eine andere Erinnerung an diesen Ort, die sich in mein Gehirn gebrannt hat, war der Sonnenaufgang nachdem ich das erste Mal in meinem Wandererleben unter freiem Himmel geschlafen habe. Um etwa fünf Uhr morgens saß ich auf dem Felsen, beobachtete, wie die Sonne langsam den Horizont erklomm und trank den schlechtesten Kaffee, den ich jemals getrunken hatte. Zum Frühstück gab es Fertigeierkuchen, die geschmacklich ebenfalls durch nichts zu unterbieten waren. Eine Plastikgabel rutschte in Zeitlupe neben mir den Abhang hinunter.


Der Carolafelsen gilt als Hot Spot in der Sächsischen Schweiz – will man hier seine Ruhe haben kommt man entweder sehr früh oder sehr spät. Nicht einmal schlechtes Wetter ist ein Garant dafür, dass man hier allein ist.

Wir stiegen ab, bis sich die Wilde Hölle vor uns auftat: Ein Wanderweg befestigt auf vielen Eisengriffen und Steigeisen, die es zu überwinden gilt. Aber nicht für uns an diesem Tag: von oben kommend nahmen wir den rechten Weg, der uns an der Zwillings- und Hentzschelstiege vorbei führte. So gelangten wir fern ab von Touristenströmen auf die Affensteinpromenade, die uns näher an unser nächstes Ziel, den Frienstein, brachte. Vorbei an einem Felsen, der sich Satanskopf nannte, gelangten wir an unser Ziel.
Leider entdeckte – oder erkannte – ich den besagten Satanskopf nicht. Ich beschloss zu Hause zu recherchieren, was es hiermit auf sich hätte.


Linksseitig folgten wir einer kleinen Treppe nach unten (Treppe hoch, Treppe runter – herzlich willkommen in der Sächsischen Schweiz), lag vor uns ein sandiges Feld, in dem große Felsen zu schwimmen scheinen. Hier gibt es keinen ausgeschriebenen Weg, sondern nur eine grobe Richtung: nach vorn.
Kletternder Weise erobern wir uns den Weg zurück und neben uns tut sich der Abgrund auf. Man weiß, dass man auf dem richtigen Weg ist, denn in der Wand befinden sich eiserne Griffe. Traut man sich diesen Weg entlang, öffnet sich hinter einer Kurve der Blick in eine große Höhle: die Idagrotte.
Auch hier war ich nicht zum ersten Mal und wieder hätte ich erwartet, dass es mich in irgendeiner Art und Weise träfe, hier zu sein. Doch auch diesmal war es nicht der Fall.


Im Nachhinein fand ich es auf eine positive Art und Weise merkwürdig. Denn mit diesem Ort – allgemein mit der Sächsischen Schweiz – habe ich über einige Zeit einen Menschen verbunden, der mein Leben so schnell wieder verlassen hat, wie er hinein gekommen ist. Selbstverständlich hat das Verlassen weitaus größere Spuren hinterlassen, als ich mir eine lange Zeit lang selbst eingestehen wollte. Bei der Auswahl der Route dachte ich kurz daran, dass es ein Zeichen sein könnte. Doch als ich schließlich auf genau dem gleichen Felsen stand, auf dem ich damals schon stand, fühlte ich, dass ich bereits losgelassen hatte. Das es nichts mehr gab, was mein Herz in diesem Moment im Bezug auf diese Erinnerung hätte traurig stimmen können. Ich schickte meinen Erinnerungen an diesen Moment ein Lächeln, kehrte zurück ins Jetzt und genoss den Moment.

Als Wanderproviant hatten wir uns an diesem Tag Kuchen und Obst eingepackt; nicht sehr nahrhaft, dafür sehr, sehr lecker. Und ich könnte schwören, dass ich den ein oder anderen Wanderer gesehen habe, der ziemlich neidisch auf unser Gebäck schielte.

Eigentlich sah unsere Wandertour vor, dass wir vom Frienstein weiter zum Kleinen Winterberg wanderten und von dort aus über den Fremden- und den Wurzelweg zurück nach Schmilka gelangen wollten. Durch einen Termin meiner Wanderbegleitung kürzten wir die Runde aber hier ab, wanderten zum Reitsteig, diesen entlang bis zur Heiligen Stiege und folgten den 903 Stufen wieder nach unten bis wir die Runde in Schmilka wieder beendeten. Pünktlich zum Termin meiner Wanderbegleitung, waren wir wieder in Dresden. Während er sein neues Spielzeug in Empfang nahm, recherchierte ich, was es mit dem Satanskopf auf sich hat.

Eine Höhle und ein Felsentor soll es dort geben – und als ich auf die Bildersuche klicke, erkenne ich, dass ich auch an diesem Ort schon war.
Zumindest durch das Felsenloch bin ich schon geklettert. Damals kam uns ein Herr entgegen, er meinte zu seiner Frau, die ebenfalls durch das Loch klettern musste: „Elegant wie ein Quastenflosser.“ Ein lustiger Moment und leider vergaß ich das Wort wieder viel zu schnell. Zum Glück begegnete uns der Wanderer später noch einmal an der Idagrotte, sodass ich noch einmal fragen konnte.


Ich erinnerte mich an das Picknick, an den Fels hinter dem Felsenloch, an dem man hervorragend bouldern konnte. Ich erinnere mich auch an die Frau, die uns wenig später begegnete und die uns sagte, dass einige Baumpilze sogar essbar wären…
Nach wie vor bin ich mir unsicher, ob ich über diese Wanderung schreiben möchte, gleich wohl sie eine der schönsten Wanderungen war, die ich je unternommen habe. Vielleicht ist es Zeit diese Wanderung noch einmal allein zu unternehmen.
Viele Erinnerungen an eine Zeit, deren Ende schwer für mich war. Aber ich spüre, wie ich endgültig mit dieser Zeit abschließe. Ich spüre, dass es an der Zeit ist endgültig loszulassen und nach vorn zu schauen. Denn auch die schwerste Zeit wird vorüber gehen.

Wer los lässt, hat die Hände frei.

Ein Kommentar zu “Wanderung: Carolafelsen & Idagrotte

  1. Toll geschrieben. Bin die Carolafelsen hoch und dann zur Klipphornaussicht. Was vielleicht ein kleiner Tipp ist für deine nächste Wanderung 😊

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