Wanderung: Gohrisch & Papststein

Es war der Zweite Advent, als wir zu dieser Wanderung aufbrachen. Das Wetter uneinschätzbar wie eh und je im Winter: graues Schmuddelwetter inklusive Niesel mit milden Temperaturen in der Stadt. Eigentlich perfektes Wetter für ein Wochenende mit Kuscheldecke auf dem Sofa. Manch einen hätte das bereits abgeschreckt, wir ließen es trotzdem drauf ankommen: entlang der Elbe machten wir uns nach Gohrisch auf. Als wir die Stadtgrenzen Pirnas hinter uns ließen, endete der leichte Nieselregen. Zum Glück.

Ausblick vom Gohrischstein sind Tal in Richtung Dresden. Die Bezeichnung „Stein“ oder „Fels“ ist eigentlich falsch, da es sich um einen Berg handelt. Allerdings hat sich diese im Laufe der Zeit so eingebürgert.

Südöstlich von Königstein und links der Elbe liegt die Gemeinde Gohrisch, in der etwa 1.700 Menschen leben. Im Ort Gohrisch selbst leben etwa 800 Menschen. Durch Eingemeindungen zählen zur Gemeinde Gohrisch auch Cunnersdorf, Papstdorf und Kleinhennersdorf. Die Region ist landwirtschaftlich und vor allem touristisch geprägt. 1869 sollen die ersten Urlauber beim Gutsbesitzer Adelbert Hauffe einen sommerlichen Aufenthalt verlebt haben. Gohrisch trägt das Prädikat „Kurort“. Aufgrund seiner ruhigen, waldreichen und klimatischen ausgeglichenen Lage seit 1935 wohl nicht umsonst. Das heutige Hotel Albrechtshof beherbergte schon den ein oder anderen gut bekannten Gast. Damals war das Hotel noch als das Gästehaus des Ministerrats der DDR bekannt.*

Der Ort hat sicher einige Sehenswerte Ecken, aber deswegen waren wir an diesem Tag nicht dort. Im Allgemeinen zog es mich bisher nie wirklich in die Orte, die Ausgangspunkt für meine Touren waren. Sie waren immer nur ein Ort zum Parken des Fahrzeugs. Man ist eben da, weil man für einen Moment da sein muss.
Etwas, dass sich im Juni wohl ändern wird. (Stichwort: Malerweg.) Aber ehe es soweit ist, löhnten wir vorerst die Tagesparkgebühr – wie immer 5€, wie immer in Münzen – schnürten die Schuhe und zogen los.

Bevor es in den Stillen Grund geht, ließ ich den Blick zurück zum Ort schweifen.

Der Neuen Hauptstraße folgten wir bis zu einer Abbiegung nach rechts entlang eines Feldes, weiter in den Stillen Grund. Der Weg wirkte breiter, als er tatsächlich ist. Durch die kahlen Stämme der Kiefern, die den Raum kaum zu füllen vermochten, zog ein kaum wahrnehmbarer Dunstschleier. Das einsame, schrille Schreien einer Krähe war zu hören. Irgendwo über unseren Köpfen saß sie in den sich sanft wiegenden Baumwipfeln.
Unsere Schritte wurden vom weichen, mit Kiefernnadeln bedeckten Boden gedämpft. Obwohl der Raum um uns weit war und mir kühle Luft um die Nase wehte, klang es, als stünde ich in einem kleinen Wohnzimmer, dessen Boden mit einem dicken Teppich ausgelegt war.

Der Stille Grund mit seinen hohen Bäumen.

Den eigenen Schritten und Gedanken lauschend, ließen wir den Anstieg des Stillen Grunds hinter uns und folgten der Beschilderung zum Gohrisch. Der Tafelberg liegt mit seiner Höhe von knapp 448 m in unmittelbarer Nähe der Festung Königstein. Der Gipfel des Papststein ist fast zum Greifen nah – mit meinem „großen Objektiv“ konnte ich bis hinüber zoomen und die schroffen Felsen begutachten.

Erster Ausblick durch die Felswände.

Der Grat des Gohrisch ist zerklüftet und mit kleinen Schluchten gespickt. Trittsicherheit ist also von Vorteil. Während 1846 umliegende Bergformationen erschlossen wurden, vermerkte man über den Gohrisch: „Der Gohrischstein ist sehr schwer zu ersteigen.“ Es sollte noch 40 weitere Jahre dauern, bis der Aufstieg über befestigte Wege erleichtert wurde.
Erschwert durch das feuchte Wetter klammerten auch wir uns besonders fest an die kalten, eiseren Griffe und suchten auf den rutschigen Steigeisen sicheren Halt. Die dünne Schneedecke, die nach oben immer dicker wurde, machte es nicht zwingend einfacher. Aber es lohnte sich: Vom Plateau des Tafelberges hat man einen wunderbaren Blick auf die nahe Umgebung: Pfaffenstein, Lilienstein, Königsstein, in unserem Rücken der Papststein. Bei schönem Wetter reicht der Blick vermutlich bis hinüber in die Böhmische Schweiz.
Vom westlichen Ende, an der „Wetterfahnenaussicht“, ließen wir den Blick in die Weite schweifen. Der kalte Wind, der uns um die Nase bließ, störte uns noch nicht. Ich bewunderte, wie gleichmäßig die dünne Schneedecke die Felder bedeckte. Auch wenn der Vergleich selbst schon als abgedroschen gilt, in diesem Moment musste ich an Puderzucker denken. Alles sah leicht und weit aus und tatsächlich hatte ich in diesem Moment ein leichtes Gefühl von Weihnachten im Bauch. Zur Feier des Tages – es ist Nikolaus – gibt es sogar einen kleinen Schokoladenweihnachtsmann. Durch die Kälte ist der kleine Hohlkörper entsetzlich hart. Und obwohl ich eigentlich keine Schokolade esse, schmeckte er in diesem Moment doch irgendwie besonders lecker. Während wir die obligatorischen Fotos aufnahmen, kroch die Kälte langsam durch die dicke Jacke und wir beschlossen uns wieder in Bewegung zu setzen.

Die „Wetterfahnenaussicht“.
Wanda-Bärbel, das Wandereinhorn, ist zwar mit, traut sich aber nicht aus dem Rucksack.
Ich bin zum ersten Mal bei Schnee in der Sächsischen Schweiz und genieße den Anblick.

Bevor wir durch die Klüfte wieder abstiegen passierten wir die kleine achteckige Hütte, die an diesem Tag von einer picknickenden Großfamilie belagert wurde. Sie wurde erstmals 1888 errichtet, zerfiel, wurde wieder aufgebaut und zerfiel wieder. 1998 wurde sie zum letzten Mal errichtet. Einige Informationstafeln berichten über die Geschichte des Berges, der Hütte und der Aussicht.
Der erste Teil des Abstiegs ist spannend – man klettert über Steigeisen und Gitter durch den schroffen Fels. Im Sommer sicher ein angenehm kühler Ort.
Wie in der ganzen Region, versteckten sich auch hier im 30 Jährigen Krieg die ansässigen Bauern vor den einfallenden Schweden. Ich kann gut nachvollziehen, dass sich die Bauern zwischen den eng stehenden Felsen und hervorspringenden Klüften sicher fühlten.

Gohrisch und Papststein sind ebenfalls Etappen des Malerwegs.

Ich liebe diese kleinen Klettereien zwischendurch, diese Art von Weg liegt mir. Aber wo ich mir sonst Zeit ließe, beeilte ich mich an diesem Tag voran zu kommen. Nässe und Kälte ließen meine Hände schnell taub werden. Natürlich wären Handschuhe eine Lösung gewesen, leider hasse ich es aber in Handschuhen zu klettern. Es fehlt mir das Gefühl für den Griff am Felsen und außerdem sind auch Handschuhe irgendwann nass. Zügig ging es weiter bergab, vorbei an einem alten Specksteinstollen. Die verrammelte, kalte Eisentür ist stiller Zeuge früherer Bergbauversuche in der Region. Eine Infotafel fasst kurz einige Fakten zusammen. Doch auch diese ließen wir ungelesen hinter uns, genau wie die Galgenschänke.

Das nächste Ziel war der nächste Gipfel, der nur eine Straßenüberquerung weiter liegt: Der Papststein mit einer Höhe von 451 m. Der Aufstieg ist gut gesichert, über Stufen, die im Dunkel sogar beleuchtet werden. Genau wie den Gohrisch (mit Ausnahme einer Route), ist der Papststein von beiden Seiten begehbar.

Wer in den Geschichtsbüchern der Sächsischen Schweiz blättert, wird feststellen: der Papststein wurde erstmals als Bogerßdorfer Stein 1496 urkundlich erwähnt. Die Besteigung vom sächsischen Prinzen und späterem König, Friedrich August II., legte den Grundstein für das touristische Interesse.
Ich fragte mich, ob es die Stufen, die ich empor stieg, damals schon gab. Sicher nicht in dieser Form, denn die Hölzer, die die Stufen in Form halten, wären im Laufe der Zeit verrottet. Ich meine die Frage eher grundsätzlich. Im Allgemeinen stelle ich mir auf meinen Wanderungen recht oft die Frage, wie dieser Ort wohl vor 100, 1.000 oder 10.000 Jahren ausgesehen haben muss.

Trapp auf, Trapp ab – herzlich wicklokken in der Sächsischen Schweiz.

Während ich dem Gedanken weiter nachhänge, erreichten wir das Gipfelplateau. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde dieses für eine bessere Aussicht komplett abgeholzt. Inzwischen hat sich die Flora wieder ausgebreitet.
Zudem wurde ein Gasthaus und ein Aussichtsturm auf dem Gipfel errichtet. Der Turm, der mehrere Male abgetragen und neu aufgebaut wurde, ist leider nicht mehr öffentlich begehbar. Das Gasthäuschen hingegen schon – vorausgesetzt man kehrt am Wochenende zwischen 10.00 und 16.00 Uhr ein. Da wir zur rechten Zeit am rechten Ort waren, genehmigten wir uns zur Aussicht einen Glühwein.

Kein Hexenhäuschen sondern der Berggasthof auf dem Papststein.
Blick auf den Gohrisch vom Papststein aus.
Talblick.

Ich würde mich an dieser Stelle nur wiederholen, wenn ich erzählen würde, wie sehr ich die Aussicht genieße, von der zarten Puderzuckerschicht spräche und wie weit meine Gedanken flogen. Also verzichte ich darauf und erinnere mich an den kleinen umgekippten Schneemann hinter der Absperrung.

Der Abstieg vom Papststein gestaltete sich wesentlich einfacher als der vom Gohrisch. Gut ausgebaute, breite Wanderwege, gesichert mit einem hölzernen Geländer.

Während wir dem Abstieg weiter folgten, passierten wir die Hempel-/Eis-Lichterhöhlen – den Kleinhennersdorfer Stein. Bei den Höhlen handelt es sich um die wohl bekanntesten Einsturzhöhlen der Sächsischen Schweiz. 1461 wurden diese erstmals urkundlich erwähnt. Um 1870 wurde hier begonnen gewerblich Sandstein abzubauen. Besitzer des Unternehmens war der Namensgeber für eine der Höhlen: Friedrich Herrmann Hempel. Durch kontrolliertes Brechen wurden die Steinblöcke vom Fels gespalten. Am 17.12.1918 ereignete sich ein tragischer Unfall – eine der hölzernen Versteifungen brach und begrub Hempel unter sich.
Die Höhlen sind heute noch begehbar – betreten auf eigenes Risiko, eine Taschen- oder Stirnlampe ist extrem nützlich. Von der Südseite aus kann man auf den Felsen klettern. Sofern man an der modernen Schatzschuhe – dem Geocachen – Interesse hat, lohnt sich das sogar. Denn unter einem der Felsen verbirgt sich ein Cache.

Nach diesem kleinen Exkurs neigte sich unsere Runde langsam dem Ende, an dem noch ein letztes kleines Highlight wartete: die Buschbank. Ein sehr schön gestalteter Rastplatz für die ganze Familie. Schach und Mensch-Ärgere-dich-nicht, eine Schaukel, Snacks und Getränke mit einer Kasse des Vertrauens, sogar WLan und ein Geocache laden zum Verweilen ein. Auch für vierbeinige Wanderbegleiter wird gesorgt und einen Regenschauer kann man unter der Bedachung hervorragend aussitzen.

… ab nach Hause. Die Kuscheldecke ist verdient und wartet.

Apropos sitzen… wir waren nach der Wanderung froh, als wir wieder im Auto saßen und uns die warme Luft der Heizung entgegen blies. Auf ein gut gekühltes Getränk aus der Buschbank haben wir verzichtet, auch die nasse Schaukel ließen wir einfach hängen.
Dafür war es nach dem Ankommen umso schöner eine warme Wohnung zu betreten, die heiße Dusche zu genießen und sich nicht mehr aus der Kuscheldecke auswickeln zu müssen. Während ich mit meinem Laptop auf dem Schoß auf dem Sofa saß, überlegte ich schon, wohin mich die nächste Wanderung führen könnte…

Wikipedia: Kurort Gohrisch, aufgerufen am 11.1.22 um 20.45 Uhr
https://de.wikipedia.org/wiki/Gohrisch

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