Gedanklich spazierte ich noch einmal zurück ins vergangene Jahr, während ich durch die Bilder auf meinem Handy scrollte. Viel zu viele Momente, an die ich mich unbedingt erinnern möchte, sind hier gespeichert. Auch die Wanderung zu den im Dunst tanzenden Schrammsteinen. Ein beliebtes Ziel für Wandernde – auch ich war nicht zum ersten Mal dort.
Das erste Mal sah ich die schroffe Felsformation im Juni 2020. Ich erinnerte mich an den warmen, sonnigen Tag. Daran, dass wir in Bad Schaudau starteten und erst einmal nach Ostrau laufen mussten, um überhaupt auf unsere Route zu kommen – die große Runde eben. An das Rascheln der Blätter, durch die der laue Wind wehte. Daran, wie sich die Luft und der Geruch darin änderte, als das Gewitter nahte, während wir auf dem Grat der Schrammsteine unser Picknick genossen. Es war ein guter Tag. Die Sonne schien nicht nur am Himmel, sondern auch in meinem Herzen. Aber auch da waren die dunklen Wolken am Horizont schon zu erahnen – kann ich heute beinahe anderthalb Jahre später sagen. Damals waren mir ganz andere Dinge wichtig, wie mit klar wird, während ich den alten Beitrag überflog. Wollte ich „damals“ nur raus, steht heute bewusst wahrnehmen im Vordergrund.
Ich dachte, dass es etwas mit mir machen würde, wenn ich jetzt wieder an diesem Ort wäre. Dass ich wegen dieser und anderer Erinnerungen emotional sein würde. Dass es vielleicht schwer wäre. Ich war mir unsicher, was genau ich eigentlich von mir erwartete. Aber was es auch war, es trat nicht sein. Stattdessen zogen graue Nebelfetzen um die Gipfel, wie die Gedanken durch meinen Kopf und lösten sich langsam auf. Das äußere Bild ein Sinnbild fürs Innere.

Aber ich schweife ab.
Die Schrammsteine – stark zerklüftet zieht sich die Felsformation lang durch die Landschaft und fügt sich gleichzeitig perfekt ein. Durch die Wälder laufend, vermutet man nicht, dass sich das kleine Massiv erhebt, sobald man unmittelbar davor steht. Die vierte Etappe des Malerwegs führt hier entlang. (Anm.: der Malerweg ist ein 112 km langer Wanderweg durch die Sächsische Schweiz, auf dem viele Maler, Dichter und Denker wanderten. Spoiler: Und dieses Jahr werde auch ich genau das tun. 112 km in acht Tagen. Der Plan steht.)
Höchster Punkt der Schrammsteinformation ist der Hohe Torstein, 425 m über dem Meeresspiegel. Auch der einzeln stehende Falkenstein mit einer Höhe von 378 m, der Teil unserer Tour war, zählt mit zum Felsmassiv der Schrammsteine.


Unsere Wanderung, von der ich eigentlich erzählen wollte, begann an einem grauen, nieseligen Tag im November. Das Thermometer zeigte etwa 8°C an. Auf der Fahrt von Dresden nach Ostrau sank es um weitere 2-3°C, ein frischer Wind sorgte dafür, dass sich die Luft noch kühler anfühlte. Also setzten wir uns schnell in Bewegung, folgten der Falkensteinstraße aus dem Ort. Zschiehädelweg – wir passierten die Schrammsteinbaude, ließen die Kleingartensiedlung hinter uns. Vorbei am Kleinen Backofen, durch den Zahns- und Lattengrund und schließlich erhoben sich die Felsen des Schrammsteintors auf dem Obrigensteig vor uns.
Im Juni 2020 wie im November faszinierte mich dieser Ort. Ich kann nach wie vor nicht genau erklären warum – ob es die Beständigkeit ist, mit der diese Felsen Wind, Regen und Sonne trotzen. Oder ob es das zur gleichen Zeit Verletzliche ist. Denn mit jedem Wind und jedem Tropfen verändern die Felsen, für das menschliche Auge nicht wahrnehmbar, ihre äußere Form.


Wir folgten dem Schrammsteinweg auf den Grat. (Beim Aufsteigen unbedingt die Laufrichtung beachten! Man macht sich wenig Freunde, wenn man zur Stoßzeit in die entgegengesetzte Richtung gehen möchte.) Nachdem wir die zu überwindenden Höhenmeter hauptsächlich über Eisenleitern und Stiegen hinter uns brachten, erstreckte sich vor uns ein Schauspiel der Natur. Nebel war ein stetiger Begleiter, während uns beim Laufen recht schnell recht warm wurde.
Kalter Wind blies die Fetzen aus Dunst und feinstem Wasser um die schroffen Säulen der Felsen. Am Morgen waren wir uns noch unsicher, ob wir wirklich aufbrechen sollten. Jetzt sind wir der Meinung, dass es sich trotz – oder grade wegen – des Wetters gelohnt hat. Beinahe allein waren wir mit unseren Gedanken auf den Gipfeln der Berge.
Der Wind blies schwere Gedanken aus dem Kopf, macht Luft für neue Gedanken und es war ein wunderbares Gefühl auf dem Grat zu stehen und in die nicht so weite Weite zu blicken. Manchmal reicht genau das, was man sieht vollkommen aus, um eine neue Perspektive zu finden. Und manchmal ist das, was man nicht sieht, das, was man sehen muss.


Nach einer kurzen Rast stiegen wir weiter über den Grat und über den Gratweg ab. Dem Schrammsteinweg zurück folgend, bogen wir auf den Elbleitenweg ab um die Richtung zum Falkenstein einzuschlagen. Eigentlich sah die geplante Route vor über den Vorderwinkel zu gehen. Eine kleine Unachtsamkeit bei der Navigation, die ich auf die Ablenkung der wunderschönen Aussicht zurück führte.


Durchs Falkengründel und den Wenzelweg gelangten wir zurück auf die Falkensteinstraße und schließlich wieder nach Ostrau. Als wir am Auto ankamen stand mein Kopf noch auf dem Grat und beobachtete noch immer, wie der Nebel um die Felsen zog.
Diese Momente sind es, die ich einfangen möchte. Für eine lange, lange Zeit. Am liebsten für immer. Die stillen Gedanken, das Gefühl des Freiseins, der Moment, in dem man sich als Teil eines Ganzen versteht, aber selbst kein Teil des Ganzen ist. Der Moment, in dem man alles mit Abstand und Distanz beobachten kann, weil es den Raum dafür gibt. Ein Gefühl, dass ich nur beim Wandern habe. So viel wie möglich versuche ich jedes Mal in mich aufzunehmen damit es mich durch den Alltag tragen kann.
Hier habe ich dir die Route, wie sie ursprünglich geplant war, verlinkt
KOMOOT: Schrammsteintor – Der Falkenstein (Runde von Ostrau) *
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