Wanderung: Bärenstein & Rauenstein

oder die „Das-neue-Jahr-wird-gut-komme-was-wolle“-Wanderung.

Kurz nach Weihnachten stand der Plan: Ich würde am 1.1.2022 wandern gehen – selbstverständlich auf Pfaden der Sächsischen Schweiz. Es sollte eine neue Route sein, die ich noch nicht kannte, ein paar schöne Highlights und Aussichtspunkte inklusive.
Für mich stand fest: Komme was wolle, egal wie lang die Nacht werden würde – diese Wanderung würde stattfinden. 

Ich studierte Wanderkarte, Wanderführer sowie das Internet und ich wurde fündig: Stadt Wehlen – genauer Pötzscha – sollte der Start der Wanderung sein. Von dort aus zum Großen und Kleinen Bärenstein. Das abschließende Highlight sollte der Gratweg auf dem Rauenstein bilden.
Eine weitere kurze Recherche ergab: es stehen kostenlose Parkplätze zur Verfügung. Ungewöhnlich, aber ich freute mich über diese Tatsache und sah sie als positives Zeichen. 

Beim Einbiegen auf den Parkplatz war klar: In der Hauptsaison würde der kleine Stellplatz am Ende der Rauensteinstraße gut frequentiert sein. Doch die Sterne standen zu meinen Gunsten: nur zwei weitere Fahrzeuge wurden bereits abgestellt.
Laut der Wander-App mit dem grün-weißem Logo, sollte die Wanderung auf dem Wehlener Marktplatz beginnen. Da ich mir aber auch etwas unsicher war, ob die Personenfähre in Betrieb sein würde, entschied ich die Wanderung gleich auf der „richtigen“ Elbseite zu beginnen. Eine Vorsichtsmaßnahme, die belohnt wurde – denn wie ich aus der Ferne beobachten konnte, war das kleine gelbe Passagierschiff fest vertäut und bewegte sich keinen Millimeter.

Ich atmete die frische und doch milde Luft ein, schnürte meine Schuhe und schulterte den Rucksack, der etwas schwerer als gewöhnlich war. Irgendwo auf der Wanderung, hatte ich eine längere Rast in Form eines Picknicks geplant. Wie, wo und wann genau überließ ich dem Zufall.

Als ich die ersten Schritte ging, manifestierten sich die Gedanken: Dieses Jahr wird anders, als die vergangenen zwei Jahre. Dieses Jahr wird gut.
Mein Wunsch ans Universum: Das Jahr soll einfach besser werden, als das Jahr zuvor. Und das Jahr davor. Neues Jahr, neues Glück – wenn man so will. Das Buch lag geöffnet vor mir, die Seiten warteten darauf beschrieben zu werden. Wir alle kennen diese Phrasen, doch ich konnte sie fühlen. Und ich fühle sie auch heute noch, wenn ich diese Zeilen schreibe.

Es einen Vorsatz zu nennen, wäre falsch. Aber ich beschloss nicht mehr darauf zu warten, dass mir irgendetwas zufällt. Ich werde einen Schritt auf das, was ich möchte zu gehen und mich von dem entfernen, was ich loslassen möchte. Schwierig, wenn man nicht genau weiß, wonach man eigentlich sucht. Also begann ich mit dem einfachen Teil: Wo in meinem Leben herrscht Unruhe, wo soll Ruhe herrschen? Wo möchte ich die Fäden entwirren und Ordnung ins Chaos bringen?

Während ich den Ortsteil Pötzscha über die Bahnhofsstraße, den Bergweg und anschließend über den Damengrund verließ, kamen mir bereits einige gut gelaunte Wandernde entgegen. Auch die ein oder andere Familie zog es bei den milden Temperaturen und Sonnenschein nach draußen. Bei den obligatorischen Fragen der Kleinsten, wie lang der Weg denn noch sei, wann man denn endlich da sei oder ob es etwas zu essen gäbe, musste ich schmunzeln. 

Ich ging die ersten Wald- und Wiesenwege entlang, mein Blick fiel auf die Beschilderung. Ein Symbol, das ich in der letzten Zeit bei meinen Recherchen begegnete, überraschte mich. Eigentlich hätte ich es wissen müssen. In meinem Kopf fügte sich eine imaginäre Karte zusammen: Der Malerweg. 
Bei der nächsten Möglichkeit prüfte ich die Karte: Die heutige Wanderung würde diesem Weg zum größten Teil folgen.
Schmunzelnd beschloss ich die Route ein klein wenig zu ändern. Immerhin möchte ich auf meiner Wanderung über den Malerweg im Juni noch ein paar neue Dinge entdecken. 
Im Nachhinein eine gute Entscheidung, die Route zu ändern und die Wanderung so ein wenig zu verkürzen. Wäre ich gegangen wie geplant, hätte mich die Dunkelheit überrascht. Ich sehe es als Zeichen, dass das Universum mit mir ist. 

Nach den ersten Aufstiegen durch ein Waldstück, erreichte ich den Großen Bärenstein. Vom Weg aus erahnte ich eine Felsformation und beschloss diese zu erkunden. Nach einer kurzen Kletterei erhaschte ich die ersten Ausblicke auf die umliegende Gegend. Einige kahle Birken, versperrten die Sicht, auf die Baumwipfel, die unter mir lagen. Zwischen ein paar gedrungnen Kiefern, öffnete sich ein kleines Fenster für einen Blick auf den kahlen Wald. In der Ferne ragten weitere, kleinere Felsen aus dem verbliebenen Grün der Kiefern und Fichten. Noch weiter am Horizont erstreckten sich weitere, seichte Hügelketten. Ich war mir fast sicher, dass sie nur aus der Ferne so seicht aussahen.

Ich ließ mir Zeit, ließ die Umgebung, den Blick und die kleine Weite auf mich wirken, bevor ich von meinem Aussichtsfelsen wieder nach unten kletterte und weiter Richtung Gipfel lief.
Und wie das so ist mit Gipfeln und den Wegen dahin: Umwege erweitern die Ortskenntnis. So konnte ich die ein oder andere Sackgasse bestaunen, bevor ich einen Aussichtspunkt auf dem Plateau fand und mich entschloss dort meine Rast einzulegen.
Mein Blick schweifte wieder in die Weite. Viel änderte sich zur Aussicht von meinem kleinen Kletterfelsen nicht. Entscheidend war aber die Richtung, in die ich schaute. Folgte ich dem Gefühl, ging der Blick klar nach vorn.

Meine Gedanken durchstöberten die kürzere Vergangenheit. Und obwohl der Blick in die Zukunft auf dieser Wanderung im Vordergrund stehen soll, ist es mir wichtig, mir darüber bewusst zu sein, woher ich kam.
Wenn ich in den vergangenen zwei Jahren etwas gelernt habe, dann das Irrungen und Wirrungen notwendig sind, um den rechten Weg zu finden. Ein Aspekt, der im Wandern sowie im „echten Leben“ eine nicht ganz unbedeutende Rolle spielt.
Ottfried Preußler schrieb es im Buch „Der Räuber Hotzenplotz“ schon sehr treffend, als er den Seppl und den Kasper an der Gabelung der Sandspur stehen und überlegen ließ, welcher Weg wohl der rechte sei. Einer von beiden fragte sinngemäß: „Ja, aber was ist denn, wenn der linke Weg der rechte ist?“ Eine Frage, die sich tief in mein Erinnerungsvermögen gebrannt hat. 

Andere Fragen strömten in meinen Geist:
Was ist denn, wenn ich nur ein kleines Stück weiter gehen muss, um mein Glück zu finden? Was, wenn ich nur noch ein bisschen mehr geben muss, bis ich ankommen kann? Was, wenn ich das jetzt nur aushalten muss und dann bekomme, was ich mir wünsche? Nur ein kleines bisschen mehr (auf)geben um zu bekommen, wonach ich jage. Was, wenn ich nur noch einen kleinen Moment stark sein muss? Was, wenn ich den A**** nur noch kurz länger zusammenkneifen muss, bis alles gut wird?
Ich stellte mir eine Gegenfrage um den Geist zur Ruhe zu bringen: Was passiert mit einem Taucher ohne Sauerstoff, der seine Luft keinen Moment länger anhalten kann, weil er an seiner Leistungsgrenze angekommen ist?

Ich fand den rechten Weg – mit ziemlicher Genauigkeit kann ich leider nicht mehr sagen, ob es nun der linke oder der rechte war. Als ich mein Picknick ausbreitete und der Sonne dabei zusah, wie sie hinter den umliegenden Gipfeln verschwand, war es etwa 14:00 Uhr und meine Gedanken waren bei mir. 

Beim Abstieg vom Großen Bärenstein legte ich frisch gestärkt etwas mehr Konzentration an den Tag und fand den rechten Weg, der in der Tat auch der rechte Weg und sehr unscheinbar war. Aber unscheinbar war gut, denn auf dem schmalem, verschlungenerem Weg rund um den Bärenstein genoss ich absolute Ruhe und sog meine Umgebung in mir auf. Dabei entdeckte ich eine Boofe*, lauschte der Stille – noch kein Vogel war zu hören und dem lauen Wind, der die Wipfel der hohen Nadelhölzer sanft bewegte. Meine Schritte wurden vom weichen Waldboden gedämpft, als ich schließlich wieder auf den Hermann-Schneider-Weg stieß. 

Kurz hinter dem Wanderpunkt Martins Ruh‘ führte der Weg nach links, schlug einen kleinen Bogen über den Lehmweg (Umwege, Ortskenntnis, erweitern) und folgte der Beschilderung des Malerwegs weiter zum Rauenstein, der sich schließlich vor mir hob. 
Es folgte ein längerer Anstieg auf einer gut ausgebauten Treppe, die von anderen Wandernden auch wieder etwas höher frequentiert war. Kein Wunder: auf dem Gipfel befindet sich ein gut ausgebauter Aussichtspunkt mit Gasthaus, der Möglichkeit windgeschützt auf die Basteibrücke zu schauen und einen Geocache zu finden. Ich schaute mich um, nahm (selbstverständlich) mehr Bilder auf als notwenig, fand den Geocache und zog über den Gratweg weiter, nur um wenige Minuten später schon wieder eine kleine Erkundung zu unternehmen: Die Lehmannschluchthöhle. Eine kleine Höhle, deren Rückwand die Natur ist, freier Blick auf die Bastei. Im freien Fall geht es dort ein paar hundert Meter nach unten. Bis ganz nach vorn zu krabbeln, kostete doch etwas Überwindung.

Auf dem lang gezogenen Gipfel des Rauensteins verteilten sich einige Wandernde, die an verschiedenen Stellen die Aussicht genossen. Familien, Einzelgänger, Einzelgänger mit Hund, Pärchen oder Freunde, einige Menschen fanden die Idee mit der Neujahrswanderung mindestens genau so gut wie ich.  
Der schmale, mit Geländern gesicherte Weg, bietet freie Sicht nach rechts und links gleichermaßen. Er zog sich und die Dämmerung setzte endgültig ein, als ich wieder durch den dichterwerdenden Wald abstieg. Grade, als die Dunkelheit den Tag übermannte, erreichte ich den kleinen Parkplatz und das abgestellte Auto.

Einen Moment setzte ich mich auf die Kante des geöffneten Kofferraums und ließ meinen Gedanken den Weg noch einmal entlang ziehen. Sie flogen über die Wiesen, durch den Wald, über die Gipfel, wie tief fliegende Krähen, während mich die Dunkelheit langsam umfing.

*Anm.: Eine „Boofe“ bezeichnet in Sachsen eine Höhle, in der es Kletternden gestattet ist, in der Natur zu übernachten.

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