50 km Zeit um in Gedanken zu versinken, den Körper, die Seele und die Natur zu spüren. 50 km durch verschlafene Dörfer, entlang von Bächen, über Felsen, Brücken, vorbei an Katzen auf Zäunen und den eigenen Zweifeln.

Ich sitze in meiner warmen Wohnung, die Sonne versucht sich durch dicke Wolken zu kämpfen. Die Erinnerungen an die Wanderung sind noch immer so präsent:
Wir – meine Wanderbegleitung und ich – waren spät dran. Dabei war ich schon lange wach – wirklich ausgeschlafen ging ich also nicht auf die Wanderung. Ich hatte gehofft mangelnde Fitness durch Schlaf kompensieren zu können. Pustekuchen.
Gegen 5.30 Uhr starten wir mit den Rädern zum Schillerplatz.
Startunterlagen. Check.
Corona-Auflagen. Check.
Die Helfer waren routiniert und alles ging ganz schnell – 5:53 Uhr standen wir im Startareal.
Ich sprach mir Mut zu, sagte mir, dass ich gut drauf bin und die Strecke größtenteils kenne. „Erstmal aus Dresden raus – dann gehts fast ebenerdig weiter. Dann wird’s gut und wir machen Meter.“
Im Stockdunkel wurden wir auf die Strecke geschickt. Kalte, frische Luft in der Nase, den Kopf auf das Ziel fokussiert liefen wir durchs nebelige, noch schlafende Dresden.

Da es noch vor 6.00 Uhr ist, darf der Veranstalter noch keine Musik abspielen.
Der erste Anstieg ließ nicht lange auf sich warten – direkt nach dem Blauen Wunder, am Körnerplatz, bogen wir auf den Veilchenweg ab. Ein ziemlich harmloser Name für einen sehr steilen Weg. Ich lief mich warm – bergauf lag mir.
Im weiteren Verlauf ging es den Loschwitzer Hang hinauf, durch den Wachwitzer Höhenpark, über den Eichendorfsteig durch den Wachwitzgrund. Vorbei an der Agneshöhe – die wunderschöne Aussicht steckte im dicken Nebel. Weiter über die Moosleite und den Stallberg. Zwischen einigen Abstiegen endlich wieder ein Aufstieg: nach Rockau.
Im Keppgrund habe ich einen“Aha“-Moment; ich weiß wo wir sind. Und ich erinnerte mich an den Geocache, den ich an der Keppmühle noch nicht gefunden habe. Aber deswegen war ich heute nicht hier. Weiter ging es, in einen magischen Morgen. Die Sonne zerriss den Nebel, es ist ein wunderschönes Schauspiel der Natur. Ich mittendrin und saugte jeden Moment auf.



Der erste Verpflegungspunkt in Malschendorf erreichten wir nach 3 Stunden. Ernüchterung pur. Zu wenig Strecke für zu viel Zeit.
Wir sprachen uns ab. Meiner Wanderbegleitung ging es nicht gut. Der Körper machte schlapp, die Schmerzen waren zu groß. Er entschied sich die 50 km heute nicht zu wandern.
Eine kluge Entscheidung. Egal was man macht, man sollte es mit und nicht gegen seinen Körper machen.
Nachdem ich mich mit Nutella- und Marmeladenbrot und etwas Obst gestärkt habe, ging ich also allein weiter.

Für mich ein merkwürdiger Moment. Natürlich war ich in meiner Wanderlaufbahn schon das ein oder andere Mal allein wandern, aber keine 40 km. Ich zweifle kurz, ob ich es wirklich wagen sollte. Aber ich fühlte mich gut und war motiviert. Also ging der AdventureWalk für mich allein weiter.

Die nächsten 10 km schaffte ich in einer Stunde und 40 Minuten. Die Strecke führte von Malschendorf nach Belvedere Schöne Höhe.
Vorbei an der Meixmühle, nach Zaschendorf hinein in das Gebiet es Borsbergs. Ich folgte dem Jagdweg über die Hohen Brücken zum Dornberg. Von da aus weiter nach Wünschendorf. Nach dem Anstieg zur Schönen Höhe erreichte ich den zweiten Verpflegungspunkt.
Auf diesem Abschnitt machte ich relativ wenig Fotos, konzentrierte mich aufs Laufen, kam mit dem ein oder anderen Mitwandernden ins Gespräch. Ich genoss die Natur, spürte wie die Luft langsam wärmer wurde und sah die Sonne die letzten Nebelfetzen vertreiben. Ich hielt mich nicht all zu lange auf – füllte meine Trinkflasche und freute mich wieder über Nutellabrote (OHNE Butter), Kuchen und Obst.

Ich wusste, dass es am nächsten Checkpoint in ungefähr 10 km eine warme Suppe geben wird. Auf die freute ich mich schon seit dem ersten Kilometer. Also schnell weiter.
Ich folgte dem sehr gut markiertem Wanderweg hinab ins Wesenitztal, weiter zum Schloss Dittersbach nach Helmsdorf. Es ging weiter Richtung Stolpen durch Rennersdorf-Neudörfel.
An einer alten Bogenbrücke mitten im Wald fühlte ich mich auf einmal wie einer der Gefährten, die Frodo auf seiner Reise begleiteten. Mir ging die Frage durch den Kopf wie viele Kilometer das Auenland und Mordor wohl voneinander trennen.

Immer wieder kam ich mit anderen Wandernden ins Gespräch. Wir freuten uns über das wunderbare Wetter, die gute Strecke, die tolle Organisation und die wunderschöne Natur.
Und dann konnte ich sie riechen – die Kartoffelsuppe am dritten Checkpoint.
Ich ließ mich in die Sonne nieder, genoss mein Radler und die Suppe war ganz im Hier und Jetzt. Der leichte Wind ließ die Sonnenstrahlen durch die Blätter tanzen. Gesprächsfetzen rauschten an mir vorbei, ich wurde in Unterhaltungen verwickelt und genoss die Pause.
Ich war stolz auf mich es allein bis hier hin geschafft zu haben. Über die Hälfte der Strecke lag hinter mir. Umkehren ist keine Option mehr.

Allerdings ist der nächste Streckenabschnitt mit 16 km auch der längste. Ich erinnerte mich daran, dass die Strecke fast ausschließlich eben ist und größtenteils über Betonplatten und Asphalt verläuft. Eigentlich angenehm – aber meine Wanderschuhe sind für weichen Waldboden ausgelegt. Und die Strecke zog sich. Mit gemischten Gefühlen machte ich mich wieder auf den Weg.
Vorbei an der Burg Stolpen ins Polenztal ließ ich die Bockmühle hinter mir. Noch ging es durch den Wald – durch das wunderschöne Polenztal. Ich genoss dieses Teilstück sehr.

An der Scheibenmühle folgte ein Aufstieg nach Heeselicht. „Wenigstens etwas“, denke ich mir und machte gut Meter. Durch Hohbukersdorf – Rathenwalde einem alten Wirtschaftsweg folgend, erreiche ich bei KM 46 den letzten Checkpoint am Permahof.
Dieser Abschnitt hatte es in sich! Mehr als einmal dachte ich daran nicht weiter gehen zu können, mich abholen zu lassen und aufzugeben.
Es wäre so einfach gewesen. Ich hätte mich irgendwo an den Straßenrand gesetzt und darauf gewartet, dass ich abgeholt werde. Immerhin hätte man ja mit dem Auto nach Rathen fahren können, mit der Fähre übersetzen und dann trotzdem ins Ziel laufen können.
Ein ziemlich unfairer Move.
Und wo bleibt da der Kampfgeist?!
Ich hörte in mich hinein: Ja, die Füße taten weh. Ja, ich merkte die Knie. Zur Not hatte ich meine Bandage, falls das linke Knie zu arg zwickt. Zum Glück war der Rucksack leicht und der Rücken noch beschwerdefrei.
Ablenkung musste her: Ein Anruf bei Mutti. Mutti kann immer helfen.
Sie hörte gleich, dass ich erschöpft war. Aber sie machte mir Mut, sagte mir, dass ich das schaffe und dass sie stolz auf mich ist. Nach dem Telefonat ging es mir besser, ich hörte Musik.
Endlich wieder mit Waldboden unter den Füßen machte ich ordentlich Meter. Die Musik kickt und die Motivation war wieder da. Immerhin war der längste Teil der Wanderung geschafft! (Ob das schlimmste schon geschafft ist, möchte ich noch offen lassen.)
Am vierten Checkpoint ergatterte ich endlich auch einen AdventureWalk-Buger. Kartoffel mit Käse und Gurke. Außerdem gab es Kuchen. Ich habe mich selten so sehr über diesen quadratischen, zuckersüßen Rührkuchen gefreut. Der Trinkbecher wird kurzerhand umfunktioniert: Ich nutze ihn als Aufbewahrung für Kekse und eben diesen Kuchen. Zucker für die letzten 6 km.

Ab jetzt ein Selbstläufer – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Euphorie darüber es bis hier her geschafft zu haben überstrahlte alles.
Woher dieser Motivationsschub kommt – vielleicht vom Kuchen, von der Musik, von den Mitwandernden, von den Helfern – ich war dankbar für den Kick und zog weiter: Vom Permahof in Richtung Zeschinger Tal, durch Zesching. Am Hohnbuckersdorfer Wachberg erstreckte sich ein wunderschöner Blick in die Sächsische Schweiz. Ich fühlte, wie ich ankam. Mein Kopf kam da an, wo der Körper schon wartete.
Der Sommer war lang, ich habe viel erlebt, war viel unterwegs. Diese Wanderung war der Abschluss eines Reisesommers – der Herbst stand im Zeichen des Ankommens und Reflektieren. Ich spürte, dass es nötig war und freute mich darauf.
Die letzten Kilometer der Wanderung kannte ich gut, schon oft war ich diesen Abschnitt gegangen. Eine meiner ersten Wanderungen ging über den Viebigweg zum Amselgrund. Damals nur in umgekehrter Richtung.

Während der Wanderung war mein Kopf voll mit Gedanken. 1.001 Dinge, die gedacht werden wollten. Beobachtungen und Unterhaltungen, die neue Gedanken auslösten.
Der letzte Abstieg in den Amselgrund fordert noch einmal meine ganze Konzentration. Große Pflastersteine, unebener Boden, Erschöpfung.
So sehr mir das Laufen bergauf lag, desto mehr verfluchte ich die Abstiege. Ich vertraue meinen Beinen und im zügigen Laufschritt ließ ich den letzten Abstieg schnell hinter mir.
Mein Kopf war aufgeräumt, ich war angekommen. Nach 12 Stunden und 14 lief ich in Rathen durch den AdventureWalk-Torbogen.
Ich war überglücklich, musste mir das ein oder andere Glückstränchen verkneifen. Erleichterung machte sich breit.

Im Ziel traf ich noch einmal einige Wandernde, die ich bereits auf der Strecke getroffen hatte und die nun auch ihren Zieleinlauf feierten. Das Glück stand ihnen ins Gesicht geschrieben.
Neben einer Urkunde wartete außerdem ein kleiner Pokal aus Holz auf mich. Drei AdventureWalks habe ich gemeistert: Thüringer Wald, Pfälzer Wald mit je 30 km und die Wanderung im „Wohnzimmer“: 50 km Sächsische Schweiz.
Den warmen Tee und noch ein Stück Kuchen ließ ich mir jetzt besonders gut schmecken. Ich war froh sitzen zu können – auf so einer bequemen Bierbank habe ich noch nie in meinem Leben gesessen!