Ein goldener Morgen an der Bastei

Die Tage werden kürzer, der Wind lässt das bunte Laub, welches er von den Bäumen weht, tanzen. Den ganzen Tag beobachte ich das Schauspiel von meinem Schreibtisch aus. Die Jacken der Vorbeigehenden werden dicker, die Mützen sind etwas weiter in die Stirn gezogen und einige eilig vorbei Eilende haben bereits den Kragen nach oben geschlagen. Ich bin unentschlossen: raus fahren oder zu Hause bleiben. Um die Frage nicht gleich beantworten zu müssen, gehe ich erst einmal einkaufen.
Es ist Samstag Mittag, das Geschäft überraschend voll. In meinen Einkaufswagen schmuggeln sich Dinge wie Teelichte und koffeinfreier Instantkaffee. Die Entscheidung ist getroffen: raus fahren. Draußen bleiben.

In der Dämmerung begann ich Proviant und Ausrüstung ins Auto zu verladen. Und das klingt jetzt viel professioneller, als es eigentlich ist: Isomatte, Schlafsack, Kopfkissen (ein bisschen Luxus muss sein), noch ein paar Decken, Gaskocher, das Campingkochgeschirr, Zahnbürste und Zahnpasta, Wasser, Teelichte, Instantkaffee. Viel länger wurde die Liste nicht, bevor es los ging.

Mein Ziel war die Bastei, nahe des Kurort Rathen. Auf der Fahrt drehte ich die Heizung so hoch es geht. Die nächtlichen Temperaturen versprachen eine herbstliche Frische. Es war die erste Nacht in meinem Auto, allein in der Natur. Vielleicht hätte ich in letzter Zeit weniger True Crime Podcasts hören sollen. Ich lenke mich mit der Musik aus meiner neuen Lieblingsplaylist ab. Auf dem Parkplatz angekommen, war ich überrascht, welch reges Treiben hier noch herrschte: Vans, Wohnmobile, andere PKW, vor denen Gaskocher köchelten. Ich reihte mich in das Bild ein: Auf meinem kleinen Hocker beobachtete ich, wie die Flammen des Kochers an der Unterseite des Topfes lecken. Es dauerte länger als gewöhnlich (im Sommer) bis das Wasser kochte. Ich goss es in meine Wärmflasche und brühte mir einen Tee auf. Den Topf nutzte ich als Behälter für die Teelichte. Eine Lichterkette spendet Licht, während ich mich in Schlafsack und Decken kuschelte und in einer Welt aus Musik und weiten Wanderungen durch ferne Länder verschwand.

Als der Wecker am nächsten morgen klingelte war ich bereits wach. Schon sehr früh begann das Leben auf dem Parkplatz: Autotüren wurden geöffnet und geräuschvoll wieder geschlossen. Das aufgeregte Geplapper der Losziehenden erschien mir für die Tageszeit viel zu enthusiastisch. 4:30 Uhr. Ich beobachtete, wie der Himmel langsam heller wird und machte mich schließlich auch auf den kurzen Weg. Vom Parkplatz bis zur Bastei läuft man auf der asphaltierten Straße höchstens 10 Minuten.
Ich passierte das Hotel und bog gleich links ab um meinen Blick direkt in die aufgehende Sonne richten zu können. Fasziniert vom Schauspiel der Natur, vergas ich, warum ich eigentlich hier war. Als die Sonne bereits über die Felsen schaut begann ich die ersten Fotos aufzunehmen. Ich hielt noch viele Augenblicke fest. Während ich das tat, weiß ich schon, dass ich grade drölfzig Mal das gleiche Motiv aufnahm. Zu groß war der Wunsch diesen Moment durch die Technologie in die Unendlichkeit auszudehnen.

Ich verließ den Aussichtspunkt links der Brücke, spazierte hinüber zur Felsenburg Neurathen. In der Nebensaison (und zu so früher Stunde) zahlt man keinen Eintritt, eine Spende zur Besichtigung der alten Anlagen wird erbeten. Zu so früher Stunde – immerhin ist es erst kurz nach 6:00 Uhr – herrschte bereits reges Treiben. Auslöser von schweren digitalen Spiegelreflexkameras werden gedrückt, das Geräusch der zurück klappenden Spiegel im Inneren der Gehäuse lag lauter in der Luft als das Zwitschern der Vögel.
Über mir fauchte es. Verwundert folgte mein Blick dem Geräusch: Ein Heißluftballon fuhr knapp über den Bäumen entlang. Die Passagiere riefen der aufgehenden Sonne „Guten Morgen“ entgegen.

Ich betrat die Burg, die zum Teil noch im kühlen Schatten lag.
Neurathen, 1289 das erste Mal urkundlich erwähnt, ist die größte, mittelalterliche Felsenburg der Sächsischen Schweiz. Viel ist von der Burg nicht erhalten: Die Zisterne, einige aus dem Stein gehauene Räume und Durchgänge sowie Balkenaufleger. Der Rest der Burg, der wie bei den meisten Felsenburgen aus Holz gebaut wurde, fiel dem Zahn der Zeit zum Opfer. Der heutige Teil des Freilichtmuseums wurde bei archäologischen Grabungen zwischen den Jahren 1982 und 1984 rekonstruiert. (1)

Während ich über die Gitter lief, breitete sich in meinem Magen wieder das ungute Gefühl aus, das ich immer habe sobald es in luftige Höhen geht. So oft bin ich diese Wege schon gegangen. Jedes Mal wieder habe ich das Gefühl, mich fest am Geländer festkrallen und alle Dinge sicher in meinem Rucksack verstauen zu müssen. Ich atmete tief aus, als ob ich die aufkeimende Angst einfach in den morgendlichen Dunst pusten könnte, wo sie sich schließlich auflöst. Nachdem ich das ein oder andere Mal bewusst auf den Trittgittern über dem Abgrund stehen blieb, folgte ich dem Weg nach unten in den Amselgrund. Vorbei am Amselsee, stieg ich die unzähligen Stufen der Schwedenlöcher wieder nach oben.

Gegen 8:00 Uhr saß ich in eine Decke gekuschelt vor meinem Auto. An meinen Füßen der Gaskocher, der wieder länger als üblich brauchte um mein Teewasser zu erhitzen. Ich beobachtete, wie sich der Parkplatz schnell füllte. Die Ordner hatten alle Hände voll zu tun die ankommenden Touristen in freie Parklücken zu dirigieren.

Nachdem ich absichtlich noch ein wenig gebummelt hatte, beschloss ich meine Stellfläche zu räumen. Nicht, weil ich es zwingend möchte, sondern weil mir doch langsam aber sicher kalt wird und die Gaskartusche an meinem Kocher aufgebraucht ist.
Bereits als ich mein Auto vom Parkplatz lenke weiß ich: Das war nicht die letzte Nacht, die ich auf diese Weise verbracht habe.

(1) Wikipedia, „Felsenburg Neurathen“, aufgerufen am 20.12.2021 um 22.49 Uhr
Link: https://de.wikipedia.org/wiki/Felsenburg_Neurathen

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