Der letzte Adventure Walk hängt mir nach. Während ich meinen kleinen Wanderrucksack noch einmal checke, breitete sich in meinem Magen ein flaues Gefühl aus. Entgegen all der Warnungen, die mein Kopf ausgespuckte, hatte ich meinen Startplatz nicht abgegeben. Ich hatte mich auf den Weg in die Pfalz gemacht um mich mit meinem Kopf zu versöhnen. Zumindest redete ich mir das ein. Immerhin war das Wetter versöhnlich eingestellt: milde Temperaturen und Sonnenschein waren gemeldet. Noch glaubte ich in den frühen Morgenstunden nicht wirklich daran und verstaute das kleine Regencape griffbereit im Rucksack.

Dann ging es los – vor uns lagen noch kapp zwei Stunden Fahrt von Köln nach Grünstadt in die Pfalz. Sobald die Grenzen der Großstadt hinter uns lagen, ich meinen Blick in die aufgehende Sonne schweifen lassen konnte, entspannte sich mein Kopf. Ich spürte wie verkrampft mein Kiefer war, wie fest meine Zunge am Gaumen klebte. Als wir ankamen, ist mein Kopf beinahe frei.
Noch als der Countdown lief, fragte ich mich trotzdem was genau ich hier eigentlich tat. Die Gedanken überschlugen sich, je näher sich die Zahlen der Null näherten. Ein Kribbeln durchfuhr meinen ganzen Körper. Die zehn Sekunden fühtlen sich wie 10 Stunden an.
Automatisch begannen meine Füße sich voreinander zu setzen. Links, rechts, links rechts, heraus aus dem Startareal, links um eine Kurve. Die ersten Meter der Tour gingen bergauf. Ich ließ die schweren Gedanken an der Startlinie zurück und auf einmal war alles ganz, ganz leicht. Gehen und tragen – die Essenz des Wandern. Berg auf gehen liegt mir – warum auch immer. Es macht mir Spaß. Vielleicht, weil ich weiß, dass oben eine Aussicht wartet. Vielleicht weil ich die Anstrengung schätze. Ich habe mir darüber nie Gedanken gemacht.
Nach dem Anstieg durchquerten wir den 1887 angelegten Park der Stadt. Weiter über sonnige Feldwege zum ersten Tiefpunkt der Tour.
Was mir so gut liegt, liegt meiner Wanderbegleitung gar nicht. Hinter Mertesheim erwartete uns ein langgezogener Anstieg auf den Grünstadter Berg, der uns viel Zeit gekostet hat. Zwischenzeitlich waren wir das Schlusslicht der riesigen Wandergruppe. Frustration mischte sich in meine Gedanken. Ich wollte ankommen. Also supportete ich meine Begleitung so gut es ging. Und schließlich standen wir vor einer Ebene mit weitem Blick auf grüne und gelbbraune Rechtecke, die die Landschaft einteilten. Baumgruppen und Dörfer säumten die Ränder der Felder.

In Neuleiningen bestaunten wir die gepflasterten Gassen, die urigen Weinlokale und die Hochzeitsgesellschaft, die auf der Burg ausgelassen feierte. Wir hielten Ausschau nach den bunten Flatterbändchen des Veranstalters und ließen die Burg schnell hinter uns. Wie wir später feststellten damit auch den ersten Checkpoint, der auf der Burg hätte sein sollen.
Meine eigene Frustration hierüber hielt sich in Grenzen – ich fühlte mich gut, hatte alles dabei, was ich brauchte und genoss den Weg durchs Eckbachtal: Vorbei an der nächsten Burg – Burg Eckbachtal. Der Fluss ist Namensgeber für die Burg und das Tal, welches er durchquert. Beide Burgen kontrollierten den Eingang ins Eckbachtal. Auf meine imaginäre Bucketlist schrieb ich: „Die Pfalz entdecken.“

Die Pfälzer sind freundliche Menschen. Immer wieder kam ich auf der Tour mit Mitwandernden ins Gespräch, während ich auf meine Wanderbegleitung wartete. Wir unterhielten uns über den Veranstalter, vergangene Teilnahmen, es fanden sich sogar ein paar Teilnehmer aus dem Thüringer Wald. Wir gratulierten uns gegenseitig die Wanderung durch den Matsch überstanden zu haben uns mussten lachen.
Es fühlte sich nach Befreiung an.
Wir ließen Altleiningen hinter uns, genossen den Ausblick, die Sonne und den Wein am zweiten Checkpoint hinter Wattenheim, der eigentlich unser erster Checkpoint war. Es tat gut zu sitzen und die Reserven nach 20 km aufzufüllen. Leider war man im Sitzen ein gefundenes Fressen für Mücken, die die Wandergruppe für ein himmlisches Buffet hielten. Schnell zogen wir weiter: der Endspurt, die letzten 10 km liegen vor uns.

Im Wanderführer stand, wir würden ein keltisches Fürstengrab passieren, den Fliegenstein. Elf kreisförmig angeordnete Steine, die aller Vermutung nach eine Kultstätte aus dem Jahr 800 v. Chr. sein sollten. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich erst im Nachhinein davon las, auf der Tour selbst hatte ich keinen Blick für diesen Ort. Es ärgerte mich ein wenig so blind für die Umgebung gewesen zu sein und ich nehme mir vor achtsamer auf meinen Touren zu sein. Ich fügte meinem letzten Punkt auf der imaginären Bucketlist „Die Pfalz entdecken.“ noch drei rote „!!!“ hinzu.

Die Tour führte weiter durch den Stumpfwald, es ging steile Hänge hinauf, vorbei an der Bockbachquelle und noch einmal über die Autobahn und dann lag der Zielort schon fast vor uns: Carlsberg-Hertlingshausen.
Noch einmal ging es bergauf – der Zieleinlauf musste ja verdient sein. Noch eine kleine Extrarunde um den Sportplatz, von hinten durchs Auge um die Ecke stand der Torbogen vor uns. Ich freute mich im Ziel zu sein – mit einem großen Sprung und einem noch größerem Lachen überquerte ich die Ziellinie. Ich dachte nicht mehr an die Blase, die mir noch kurz zuvor an der rechten Ferse geplatzt war und einen unangenehmen, stechenden Schmerz verursachte.

Im Rückblick auf die Wanderung durch den Thüringer Wald erschien mir diese nun grade gar nicht mehr so schlimm. Meine Gedanken die Tour durch die Pfalz sausen zu lassen, erschienen mir unverhältnismäßig. Mein Blick fiel auf den Schlamm, der sich nach der Tour nicht mehr von meinen Schuhen lösen mochte. Ich grinste in mich hinein und war sehr stolz auf mich.
Während ich mir die Sonne ins Gesicht scheinen ließ, freute ich mich auf die 50 km Wanderung durch die Sächsische Schweiz. Es fühlte sich nach ankommen an.

Ein Kommentar zu “30 km Adventure Walk Pfälzerwald”