Adventure Walk Thüringer Wald

Der Titel dieses Beitrags sollte möglichst dramatisch und emotional klingen – so wie die Wanderung selbst war. Die Ideen reichten von „Die längste Matschstraße der Welt“ bis hin zu „Demotivation in 30 Akten“. Die Worte werden der Wanderung und dem, was sie mir abverlangte allerdings nicht wirklich gerecht und ich entschloss mich für eine ziemlich unspektakuläre Zeile.
Der Titel wird dieser Tour in keinstem Sinne gerecht. Ich erzähle dir, warum.

Bereits am frühen Nachmittag des Samstag reisten wir in Weimar an. Wir hatten eine Übernachtung in einem alten Burghotel gebucht. Moderne trifft Geschichte – man konnte die Burggeister beinahe durch die kleinen, minimalistisch eingerichteten Zimmer spuken sehen. Alles war sehr schick und ich fühlte mich mit in meinen Leggings, Stuplen, Hoodie und dem Wanderrucksack auf dem Rücken zwischen den Menschen in schicken Stilettos, braunen Weekendern aus Leder und silbern glänzenden Rollköfferchen etwas unwohl. Die Bettwäsche im Hotel knisterte von der Stärke und die Luft war von der Klimaanlage trocken.
Zum Glück war es nur eine Nacht.

Der nächste trübe Morgen begrüßte mich viel zu früh mit einem leisen, kontinuierlichem Rauschen. Über Nacht hatte es begonnen zu regnen. Auf einmal ist das Bett in der schicken Burg doch verlockender, als die 30 km, die vor mir liegen sollten. Es kostete mich ein wenig mehr Überwindung, als ich rückblickend zugeben möchte, die Beine aus den raschelnden Laken zu schwingen.
Zu allem Übel werden wir heute nicht nur knapp am Startpunkt sein, sondern tatsächlich zu spät. Der Check Out im Hotel dauerte länger als geplant. An der Rezeption rechnete man nicht damit, dass zu einem Sonntag bereits um 7.00 Uhr Gäste abreisen wollten.

Das Team der Laufszene war entspannt wir eh und je: Wir starteten einfach eine Startwelle, also 15 Minuten, später. Neben das leise Rauschen des Regens, der sich zu meiner Freude in feinen Nieselregen verwandelt hatte, mischte sich das Rauschen der Ilm und das aufgeregte Stimmgewirr der anderen Wandernden.

Am Schloss Weimar begann die Route in Richtung Carolinenturm, über die Hängebrücke und den Klosterweg nach Ehringsdorf und durch den Park des Schlosses Belvedere. Wir überquerten die Autobahn – die Reisegeschwindigkeiten konnten unterschiedlicher nicht sein. Die vorbei rasenden Autos, die reisen um ans Ziel zu kommen und die Wanderer, die unterwegs sind um unterwegs zu sein. Ein Gedanke, der mich noch eine Weile verfolgte.

Park und Schloss Belvedere bleiben schnell hinter uns, das nieselige Wetter treibt zur Eile an. Vorbei an Feldern und tief hängenden Wolken.

Der Weg führte weiter durch Kiliansroda und schließlich konnte ich in der Ferne den Carolinenturm auf dem Muschelalk-Berg erkennen. Mit einer Höhe von immerhin 497 Metern ist der sanfte, mit Feldern bestellte Hügel die höchste Erhebung im Landkreis Weimarer Land. Am Ende des ersten 14 km langen Abschnittes wartete auch ein Checkpoint auf uns – ich hoffte auf eine Überdachung, denn der feine Niesel hatte sich in dickere Tropfen verwandelt, der auf mein großes, grünes Regencape fiel.
Ich dachte gar nicht daran ein Erinnerungsfoto aufzunehmen.
Der weiche Boden nahm jeden Tropfen Flüssigkeit in sich auf – genau wie die Schuhabdrücke der vielen, vielen Wandernden, die sich mit uns auf den Weg gemacht hatten.

Der Hermanns – eines der wenigen Bilder, die auf der Wanderung entstanden sind.

Auf Etappe zwei verschlechterten sich die Streckenbedingungen noch mehr. Weicher Boden, der sich um die Schuhe schloss und sie in einem braunen, klebrigen Griff hielten, ließen die Beine schnell müde werden. Streckenweise schlidderte man von einer Pfütze in die nächste. Zu gern hätte ich im Gasthaus Müllerhausen verweilt, bis der Regen sich verzogen hat. Doch ich ging weiter: zum Hermannsee, noch einmal über die Autobahn, nach Maina und schließlich bis Magdala.
Es war der kürzeste Abschnitt der Strecke – was meine Laune etwas hob. Es gab am nächsten Checkpoint warmen Tee und eine heiße Suppe. Wir ergatterten einen trockenen Platz und pausierten etwas länger, als wir es sonst tun würden. Ich hatte Mitleid mit den Fußballern der Freizeitmannschaft, die sich im Regen für das anstehende Spiel aufwärmten.

Schließlich machten wir uns auf zum Endspurt – jetzt waren wir bis hier her gekommen, jetzt gingen wir auch weiter. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Auf dem letzten Abschnitt von Magdala, über Vollradisroda auf das Plateau der Kernberge. Von dort aus bot sich ein herrlicher Blick über die Stadt Jena. Im Rücken den Ernst Haeckel Stein, ging es nun zum Abstieg.

Zwischen den Bäumen lässt sich die Stadt Jena bereits erahnen.

Dieser Abstieg war mein persönlicher Highway to Hell. Matsch wechselte sich mit glitschigem Kopfsteinpflaster ab. Ich war am Ende – körperlich und mental. Ich stand mitten auf dem Weg und wollte keinen Meter mehr weiter gehen. Zum Regen in meinem Gesicht mischten sich Tränen, die heiß auf meinen Wangen hinab liefen. Hinter mir der Weg auf den Berg, vor mir der Weg ins Tal. Links von mir Wald, rechts von mir ebenso. Ein zerfallener Gartenzaun moderte dort vor sich hin. Über mir die großen, grauen Wolken, die unaufhörlich Wasser auskippten und unter mir der Weg, den ich gehen sollte. In diesem Moment weigerten sich meine Füße auch nur noch einen Schritt zu machen.
Ich weiß nicht, wie lange ich da in meinen Gedanken versunken stand und mich selbst bemitleidete. „Was für eine bescheuerte Idee! Wirklich richtig, richtig bescheuert! Davon abgesehen: Warum bist du einfach nicht mehr so sportlich wie vor einem halben Jahr? Warum ist das so f*cking schwer? Das sind doch nur 30 km – da ging doch schon viel mehr! Apropos: 30 km… in wieviel Wochen kommen die nächsten 30 km und danach 50 km?! Schöne Sch****, die du dir da eingebrockt hast. Das wird nie was…“
Am Ende war es meine Wanderbegleitung, die mich unter den Arm klemmte, mir in weiten Serpentinen auf der schmalen Straße beim Absteigen half. Meine Nerven lagen blank und ich brauchte eine Weile um wieder auf Kurs zu kommen.

Anhaltender Regen, weicher Boden, meine Motivation ist auf dem absolutem Tiefpunkt angekommen.


Ich versuchte die großen, dunklen Wolken in meinem Kopf bei Seite zu schieben: „Wenn ich hier stehen bleibe, kann mir auch keiner helfen. Ich bin bis hier her gekommen, jetzt komme ich auch weiter. Es ist nur der Kopf, es ist nur der Kopf. Alles wird gut.“

Schließlich überquerte ich die Ziellinie. Der Moderator kam uns mit den Urkunden entgegen gelaufen. Er strahlte uns an, gratulierte und fragte, wie es auf der Strecke war. „Schrecklich.“ Nochmals gratulierte er uns – forderte uns auf warmen Tee zu holen und uns unter ein Zelt zu setzen. Ich wusste nicht genau, ob ich mich darüber freuen sollte, dass der Himmel langsam heller wurde und verzweifelte, einzelne Sonnenstrahlen sich ihren Weg hindurch bahnten. Wieder liefen mir Tränen über das Gesicht – diesmal vor Erleichterung und Freude, es trotz allem ins Ziel geschafft zu haben.

Endlich im Ziel.

Der Start in die Adventure Walk-Saison hätte nicht schlimmer sein können. Am Ende des Tages war ich für die kommenden zwei Wanderungen auf einem Motivationspunkt weit unter Null angekommen.
Nach dem Walk ist vor dem Walk . Ab jetzt ist Zeit für ein Reset im Kopf. Doch mein Kopf war anderer Meinung: Nie wieder eine Wanderung im Regen! Nie wieder Adventure Walk. Ich steige aus und gebe meine Startplätze ab. Mit diesen Gedanken stellte ich die vollkommen verdreckten Schuhe in den Kofferraum und schloss die Heckklappe.

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