Schroffe Felsen, raschelndes Laub, hohe Wiesen, die sanft im Wind wehen, Aussichtspunkte, an denen das Herz über den Abgrund springt und Wanderwege, die sich durch die hohen Bäume winden und plötzlich im Nichts verschwinden. So oder so ähnlich ging es uns auf der Wanderung, von der ich euch heute erzählen möchte.

Wir starteten im morgendlichen Schmilka. Die Straßen des kleinen Örtchens sind mit Fachwerkhäusern gesäumt. Direkt rechts der Elbe erstreckt sich der letzte Ort vor der tschechischen Grenze. Wie Caspar David Friedrich, Carl Gustav Carus und abertausende andere Wandernde machten auch wir uns an diesem Tag auf den Weg.
Anders als die vielen anderen Wanderer schlugen wir nicht den Weg zur Heiligen Stiege ein. Wir gingen in die entgegengesetzte Richtung – und ich muss ganz ehrlich gestehen: So richtig habe ich keine Ahnung, wohin wir gingen. Meine Wanderbegleitung warf ab und an einen prüfenden Blick auf die Wanderkarte und murmelte dann: „Ah, ja – genau hier sind wir richtig, da geht es weiter.“ Während ich die Natur vollkommen auf mich wirken ließ, navigierte er zielsicher an dunkelgrün grundierten Schildern mit strahlend weißer Schrift markierten Schildern vorbei. Mein Blick war in die Wälder gerichtet: Hohe Kiefern, die noch nicht von der stetig unkontrolliert wachsenden Population von Borkenkäfern zerstört wurden. Es folgte das typische Auf und Ab, das an keinem anderen Ort, als in der Sächsischen Schweiz prägender für Wanderwege ist. Hinter der nächsten Kurve endete der Weg an einem brauen, aus rechteckigen Stangen verschweißtem Geländer.
Ich nahm auf der Bank platz und ließ meinen Blick weit schweifen. Wo mein Körper nicht weiter gehen kann, zieht meine Seele in die Ferne, über die Wälder und Felsen, entlang der Elbe der Sonne entgegen.

Nach einer kleinen Stärkung ließ ich meinen Geist ziehen. Meiner navigationssicheren Wanderbegleitung folgend wurden die Wege schmaler, bis sie sich vor uns im Gras und Laub verliefen. Nicht nur die Wege hatten sich verlaufen, auch wir stehen mitten im Wald, während die Vögel zwitscherten und der Wind die Baumkronen seicht wog. Dank OSM fanden wir zurück auf den Weg, bevor uns die Wildschweine fanden. Wir schmunzelten über unseren Abstecher in die Wildnis der Sächsischen Schweiz. „Umwege erweitern die Ortskenntnis“ kommentierte ich die kleine Unaufmerksamkeit in der Navigation und sog weiter jeden Moment in mich auf.


Während ich auf der Wanderung weiterhin nur körperlich anwesend war und mein Geist wie ein Falke in weiten Kreisen über den Wäldern zog, beschlossen auch wir ein paar Meter an Höhe zu machen. Die Rübezahlstiege brachte meinen Körper meinem Geist etwas näher. Über die Schneeberger Löcher im Heringsgrund gelangten wir zum versteckten Steig. Versteckt war übrigens nicht nur der Kletterstieg, sondern auch ein Geocache ganz in der Nähe des Stiegs. Sichern muss man sich, während man die gut 80 Höhenmeter überwindet, nicht. Einmal tief durchgeatmet geht es mit sicherem Griff und voller Konzentration dem Reitsteig (und meinem Geist) entgegen.
Die Stiege zählt zu den ältesten ihrer Art in der Sächsischen Schweiz. Sie existierte bereits vor dem ersten Weltkrieg. Der Name „Rübezahlstiege“ geht übriges nicht auf den Berggeist des Riesengebirges zurück, sondern auf den sächsischen Kletterer und Höhlenforscher Hugo Friedrich. Dessen Spitzname, „Rübezahl“, wurde für die Stiege übernommen. Er war es, der die Stiege um 1920 erneuerte und ausbaute.
Die Stiege zählt zu den anspruchsvollsten und gar nur bergauf begangen werden. Die Schwierigkeit wird von B/C bis C/D angegeben. Zwischenzeitlich gab es Diskussionen die Stiege komplett zu schließen, 2012 wurde sie erneut saniert und als Kletterzugang, der auf eigene Gefahr begangen werden darf, blieb sie der Öffentlichkeit erhalten. (1)


Die letzten Meter vom Ende der Stiege zum Reitsteig waren „offroad“. Nicht weil wir uns wieder verlaufen hatten, sondern weil durch Baumschlag und Forstarbeiten der ursprüngliche Weg versperrt war.
Wir hatten Flügel an den Schuhen – im wahrsten Sinne des Wortes.
Am Kleinen Winterberg wage ich einen kleinen Sprung, der großen Mut kostete. Ein Fotomotiv, das es in den sozialen Netzwerken so schon etwa drölfzigmilliarden Male gibt.
Der Gipfel des Kleinen Winterberges ist der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Er befindet sich in der Kernzone der Sächsischen Schweiz und unterliegt daher strengen Regeln des Natur- und Artenschutzes. Die auf Grund der Höhenlage länger und öfter liegende Schneedecke gab dem Kleinen, sowie dem Großen Winterberg ihre Namen.


Der Weg bis zur Kipphornaussicht verlief ohne weitere Zwischenfälle – kein Verlaufen, kein Baumschlag, keine Flugeinlagen. Und dann kamen wir genau zum richtigen Augenblick an.
Mein Geist saß bereits auf dem Geländer und wartete auf mich. Gemeinsam schauten wir in die untergehende Sonne, ließen wir uns Ravioli aus der Dose schmecken und genossen den Moment.
Der Aussichtspunkt befindet sich an der Südseite des Winterbergs. Der romantische Maler Caspar David Friedrich thematisierte die Aussicht in seinen Werken oft. Verständlich: Der Aussichtspunkt ist der südlichtes Punkt mit Panoramablick. Von der Böhmischen Schweiz bis zu den Affensteinen erstreckt sich das Elbtal unter meinem Blick.


Als ich an diesem Abend in meinem Bett lag, bin ich ganz bei mir. Mein Geist, meine Gedanken, meine Seele. Manchmal ist es nicht so leicht für mich, bei mir zu sei. Ich glaube, manch einer kennt das Gefühl sich selbst ein wenig verloren zu haben und nun ständig auf der Suche zu sein. Am Abend dieser Wanderung bin ich bei mir und genieße den Moment.
(1) Quelle: Wikipedia: „Rübezahlstiege“, am 11.12.2021 um 13.40 Uhr
https://de.wikipedia.org/wiki/Rübezahlstiege

Ein Kommentar zu “Wanderung: Kleiner Winterberg, Rübezahlstiege & Kipphornaussicht”