Tour im Nebel: Jenner

Der Plan für ein langes Wochenende in meinem Kopf stand. Der Plan war gut – straff durch getaktet, aber gut. Einen Blick in den Wetterbericht hatte ich gewagt – die Vorhersage hatte jegliche Hoffnung auf ein trockenes Wochenende bereits vorab begraben. Mit der naiven Hoffnung „Vielleicht wird’s ja doch besser als gemeldet“ packte ich meinen Rucksack ins Auto und startete in Richtung München.

Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: an diesem Wochenende sollte so viel Regen fallen, dass unterspülte Straßen und Erdrutsche in Bayern das kleinste Problem darstellen sollten.
Wie merkwürdig es war: das Wochenende lebte ich wie in einer Nussschale, die Realität holte mich erst am Dienstag wieder ein.

Anlegesteg am Chiemsee – Aufbruch und Ankommen in einem Bild.

Am Donnerstag morgen, viel zu früh, klingelte der Wecker. Ich schwang mich auf mein Rad um anschließend noch ein paar Gewichte zu schwingen. Duschen, den gepackten Rucksack ins Auto schwingen und mit der Van-Life-Playlist von Spotify verging die Fahrt nach München wie im Flug. In München wurde der PKW gegen Annelise getauscht. Annelise war ein dunkelgrüner, nagelneuer Camper-Van mit Aufstelldach. Ich mochte Annelise vom ersten Moment. Die Fahrt aus München glitt nicht mehr ganz so schwungvoll dahin – Rushhour. Gefühlt eine Ewigkeit verging, bis ich auf meinem SUP auf dem Chiemsee stand. So viel Zeit musste sein bevor der Regen begann, der bis zum späten Nachmittag des Sonntags nicht mehr enden sollte.

Mutig die Mähne im Wind: Wanda-Bärbel das Wandereinhorn auf dem SUP auf dem Chiemsee – Blick auf die Herreninsel.
Die dunkle Wand. Bis auf sehr wenige Momente ist der Regen an diesem Wochenende ein stetiger Begleiter.

Weiter ging es ins Berchtesgadener Land: nach Schönau. Noch hatte ich die Hoffnung, dass der Regen über Nacht doch noch enden würde. Naiv. Ich weiß. #thatsme
Die Stadt liegt am Rande des Königssee und am Fuße des Jenners. Der Berg gehört mit seinen 1874 m ü. NN zu den Berchtesgadener Alpen und ist touristisch sehr gut durch eine Seilbahn erschlossen. Bei gutem Wetter hat man einen überragenden Blick auf den Watzmann und den Königssee. Im Nachgang der Reise hatte ich mir die Bilder bei Google angeschaut. Vielleicht fahre ich bei gutem Wetter noch einmal dorthin.

Mit dem Van konnten wir auf einem kleinen Stellplatz hinter einem Mc Donalds stehen. Anbetracht der Verbreitung des Fast Food Restaurants musste ich innerlich mit den Augen rollen. Auf dem Parkplatz gab weder Wasser- oder Stromanschluss. Dank der Vollausstattung von Annelise aber kein Problem. Auch so wäre es kein Problem gewesen – durch die durchaus komfortable Ausstattung des Busses geht das Camper- & Vanlife-Feeling leider etwas verloren. Der Klingerbach rauschte bereits laut, als ich im Bett unter dem Aufstelldach mit den Gedanken an Teelichte, Lichterketten, Lagerfeuer, Marshmallows und Musik vor dem Van einschlief.

Annelise, der Camper fürs Wochenende – gemietet über Freeway Camper. Ich mochte das Gefühl mit dem Van unterwegs zu sein.

Auf dem offiziellen Parkplatz am Fuße des Jenners stehen Sanitäranlagen zur Verfügung – wenn man früh genug da war sogar kostenfrei. Katzenwäsche, Zähne putzen, kleines Frühstück und dann ab ins Regencape. Noch hatte ich meine naive Hoffnung, dass der regen enden würde, nicht aufgegeben.
Das Ziel für den Tag ist die 1874 Höhenmeter zu überwinden. Vielleicht war es ja auf dem Gipfel trocken. Vorbei an der Talstation der Seilbahn begann die Wanderung, die die folgenden Stunden nur bergauf ging. Durch den Wald am Fuße des Berges, vorbei an kleinen Bächen, die etwas reißender aussahen als sonst. Schließlich führte der Weg über Wiesen und vereinzelt stehenden Tannen vorbei. Aber auch diese wurden weniger, der Boden steiniger und der Ausblick… nebliger. Das Wasser schien auf der Wanderung von allen Seiten zu kommen – von links, rechts, unten und selbstverständlich von oben. Inzwischen trug ich das zweite Regencape und ich überlegte ernsthaft welchen Sinn es noch hat überhaupt ein Regencape zu tragen. Außerdem stellte ich mir die Frage, wie frustrierend es für einen Regentropfen sein muss, der aus einer Wolke 5 m nach unten auf einen Berg fällt. Regentropfen fallen übrigens mit einer Geschwindigkeit von etwa 23 km/h – hatte ich irgendwo mal aufgeschnappt. Wenn man als Regentropfen schon aus einer Wolke fällt, dann doch aber bitte den kompletten Weg nach unten – über die ganze Distanz. Zumindest wäre ich als Regentropfen ziemlich frustriert, wenn ich nach wenigen Metern schon wieder landen würde.
Was man eben auf einer Wanderung durch den Regen so denkt…

Der Berg ruft – auch im Nebel. Immerhin steige ich nicht wegen der Aussicht auf den Gipfel.

Zwischendurch rissen die Wolken tatsächlich kurz auf und man konnte einen Blick auf die nahe, wunderschöne Landschaft erhaschen. Bei schönem Wetter stelle ich mir die Aussicht unverwechselbar und außergewöhnlich schön vor.
Der durch die Bäume ziehende Dunst hingegen hat etwas traumhaft magisches. Man konnte meinen, dass sich die Elben und Baumbart, der Ent, in den tiefhängenden Wolken verabredet hätten.

Kurze Rast um den Ausblick zu genießen.
Lichte Momente – das war der weiteste Blick, den man erhaschen konnte.
Sieht man im Nebel nichts, fokussiert man sich auf das, was man sieht.

Eine Familie Wanderer begegnete uns. Sonst begleitet uns nur das Rauschen des Regens auf der Wanderung. Wir verzichteten auf längere Pausen, wollten schnell Meter machen.
Schließlich tauchte die Bergstation im Nebel vor uns auf. Wir standen direkt davor, als wir sie sehen konnten. Quasi mit der Nase darauf gestoßen.
Nur noch wenige Meter weiter wartete das Gipfelkreuz. Mein zweites Regencape war inzwischen vollkommen durchnässt, genau wie meine Schuhe. In meinen geflochtenen Haaren hingen schwere Wassertropfen, mir war ein wenig kalt und ich bin sehr, sehr glücklich. Wohlweislich hatte ich trockene Kleidung und ein kleines Handtuch im Gepäck.

Das letzte Schild vor dem Gipfel – fast sonnig strahlt es mir entgegen.

Die Aussicht am Gipfelkreuz muss überragend sein – zumindest stellte ich genau das später fest, als ich wieder zu Hause saß, diesen Beitrag schrieb und mir die Bilder bei Google anschaute. Vielleicht irgendwann nochmal, wenn der Wetterbericht keinen Dauerregen anzeigt.
Inzwischen hatte auch ich die Hoffnung aufgegeben, dass es an diesem Wochenende noch einmal aufhören würde mit regnen. „Bei schönem Wetter macht das ja jeder – so ist es wenigstens nicht überlaufen und voll“ redete ich mir den Ausflug schön.

Die letzten Stufen und dann ist es soweit…
… mitten im Nebel steht das Gipfelkreuz.

Nachdem der wunderschöne, dichte und kühle Nebel hinlänglich bestaunt und alle Fotos, die man machen konnte, gemacht wurden stand die große Frage im Raum: Abstieg oder Abfahrt. Der Blick über die große Panoramaterrasse ließ die Entscheidung leicht fallen. Die zuvor schwer erkämpften Höhenmeter werden nun einfach innerhalb von 20 Minuten mit der Seilbahn zurück gelegt.
Bis zur Mittelstation glitten wir still durch den dicken Dunst, der im Tal aufriss und ein wenig erahnen lässt, wie malerisch die Gegend wirklich ist. Mir wurde etwas flau im Magen als ich realisierte, wie hoch die Kabinen der Bahn über dem Hang schweben. Ich versicherte mir selbst und meiner Begleitung, dass die Erbauer der Bahn aber genau wussten, was sie taten. Sicher und mit bis zum Hals klopfendem Herzen erreichten wir das Tal.

Das Wasser der in den Van eingebauten Dusche war tatsächlich wärmer als das Regenwasser, das unaufhörlich aus den Wolken fiel. Erfrischt und in zwei dicke Decken eingekuschelt schlief ich mit dem Blick auf den nebligen Gipfel an diesem Abend sehr schnell ein.
Am nächsten Morgen weckte mich wieder das noch immer wilde Rauschen des Klingerbachs, der durch die Menge des gefallenen Niederschlags stark angewachsen war.

Unterschiedlicher könnte das Licht nicht sein – rauschende Bäche und mystischer Nebel.

Wir beschlossen mit Annelise weiter zu fahren – auf der imaginären Bucketlist stand die Wimbachklamm. Das letzte Mal, als wir in der Gegend waren, waren nirgends Parkplätze zu finden und wir mussten unverrichteter Dinge wieder abfahren. Diesmal gab es Parkplätze. Allerdings war die Klamm wegen Unwetter geschlossen.
Krisensitzung: Zum ersten Mal an diesem Wochenende benutzte ich mein Handy zu etwas anderem, als zum Fotografieren. Eine Meldung nach der anderen ploppte auf: Hochwasser in Teilen Deutschlands. Die Bilder waren bereits jetzt verheerend, das komplette Ausmaß noch Monate später spürbar.

Wir überlegten lange, was wir als nächstes tun würden. Wir entscheiden zurück zum Chiemsee zu fahren. Zu erst suchten wir nach einem anderen Stellplatz, etwas abseits der Autobahn. Es stellte sich heraus, dass dort aber das Übernachten im Van nicht mehr gestattet war.
Schließlich standen wir wieder im Wohnmobilhafen Felden. Ein sehr schön gelegener Stellplatz mit Sanitäranlagen, Grauwasserrinne und WLan, direkt am Chiemsee.

Sonntag Abend – der Sonnenuntergang entschädigt für all den Regen.

Während wir nach Geocaches suchten, Chilli con Carne kochten und unsere Sachen sortierten und dem Ende des Wochenendes entgegen schauten, riss der Himmel auf und die Sonne lachte uns entgegen. Meine Hoffnungen wurden also doch erhört.

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