Es ist Freitag und mir fiel die Decke auf den Kopf. Die ganze Woche war ich zu Hause und hütete das Bett. Fieber, Halsweh, geschwollene Mandeln und ein Besuch beim Arzt bestätigte die Vermutung: Angina. Montag und Dienstag freute ich mich noch über die Möglichkeit, mich einfach auszuruhen. Mittwoch verlegte ich meinen kreativen Arbeitsbereich bereits auf die Terrasse und Donnerstag fühlte ich mich Dank Antibiotika eigentlich schon wieder wie (fast) neu. Ich schrieb einem guten Freund, wir vereinbarten am Samstag Wandern zu gehen. Ich argumentiere mit „Die Ärztin meinte, solange der Puls nicht über 160 geht, sei alles entspannt. Spazieren ist also erlaubt.“

Ich ließ mich bei der Wahl des Zieles, überraschen meine Wanderbegleitung kannte die Sächsische Schweiz besser als ich. Gegen 10:00 Uhr suchten wir kurz hinter der tschechischen Grenze in Hřensko erfolglos nach einem Parkplatz. Wir folgten der Straße mit der Nummer 25861 aus dem touristisch vollkommen überlaufenen Ort hinaus. An einem Waldweg fanden wir einen möglichen Stellplatz. Leider fand uns genau in diesem Moment auch ein tschechischer Polizist. Ziemlich schlecht gelaunt erklärte er uns in ziemlich schlechtem Englisch, dass es verboten sei die Straße zu verlassen, am Waldrand zu parken und mit dem Fahrzeug in den Wald zu fahren. Wir verstehen etwas von Bußgeld und 1.000,- Euro? Kronen? Die Fahrzeugkralle in der Hand des Polizisten sah wenig vielversprechend aus und wir sahen uns bereits mit einem Fuß in einem tschechischen Gefängnis. Während wir uns kurz berieten, legte der entschlossene Ordnungshüter den anderen abgestellten Fahrzeugen die Krallen an. Nach einem weiteren Kommunikationsversuch wissen wir schonmal, dass es sich um Kronen handelte. Wir sollten dem Polizisten, der übrigens sehr schnell über die Landstraße fuhr, zu einem Geldautomaten folgen. Wir erhielten ein Schriftstück, dass wir in Tschechien eine Ordnungswidrigkeit begangen hatten, der Polizist im Gegenzug das Bußgeld von umgerechnet knapp 40,- €. Anschließend erklärte er uns in überraschend gutem Deutsch, dass wir bis Mezni Louka fahren sollten und dort ein weiterer, großer Parkplatz sei. Wir entrichten die 10 € für Tagesparkgebühr, packten unsere sieben Sachen zusammen und checkten wie wir von hier aus zum Prebischtor kommen.
Kein Problem, stellten wir fest: wir laufen von hinten an das Tor heran: Wegzeit ca. 70 Minuten. Und der Weg ist denkbar einfach: wir folgten dem Gabrielenstieg.

Nach so einem Start, konnte der Rest nur noch gut werden. Nachdem ich auf dem Parkplatz noch das Display sowie die Frontkamera meines Handys durch fahrlässiges Fallen lassen zerstörte, sind wir der Meinung: Jetzt kann wirklich NICHTS mehr schief gehen. Das einzige was jetzt noch passieren könnte ist, dass die Sandstein-Felsbrücke, die das Prebischtor bildet, vor uns einstürzt.
Das Felsgebilde in der Böhmischen Schweiz zählt zu den Naturdenkmälern. Und das nicht ohne Grund. Die Spannweite der Brücke beträgt 26,5 m, die Höhe des Bogens liegt bei 16 m. Die Breite des Bogens beträgt 8 m und der Fels, der die Brücke bildet 3 m. (1)
Das Betreten des Bogens ist selbstverständlich verboten. Bis 1982 durfte man die Brücke noch betreten. Da das Betreten zu starken Erosionen geführt hat, wurde die Brücke gesperrt. In einer neuen Produktion von Amazon („Das Rad der Zeit“) sieht man einen Reiter vorn auf dem Tor stehen. Vermutlich wurde er nachträglich im Studio dort eingefügt. Auch einige der Landschaftsaufnahmen für „Die Chroniken von Narnia“ wurden hier gedreht. Verständlich, wenn man den Blick über die Baumgipfel auf die umliegenden, hervorragenden Erhebungen schweifen lässt.

Und um das Tor und die Aussicht, die sich von den umliegenden Tafelbergen bietet, genießen zu können, zahlen wir 1,50 € Eintritt. Auf einen Besuch im 1881 gebautem „Falkennest“ verzichten wir. Stattdessen gönnte ich mir Wassereis und stöbere in der Geschichte des Ortes: Das Hotel löste das 1826 gebaute Gasthaus ab. 50 Betten stehen müden Wandernden und Touristen zur Verfügung. Auf einer Fernwanderung würde ich dieses Hotel definitiv auf meine „Dort muss ich schlafen“-Liste setzen, auch wenn ich dafür den Touristenaufpreis zahlen müsste. Ich erfuhr auch, warum man Eintritt zahlen musste: Seit der Privatisierung des Hotels ist das komplette Gelände um das Prebischtor in Privatbesitz. Die Besitzer würde ich ja gerne mal persönlich kennen lernen!


Wir sahen uns um, erkundeten jeden Meter, der nicht abgesperrt war und ich nahm etwa drölfzigmilliarden Bilder auf. Die Sonne schien, ein lauer Wind wehte und es war ein wunderbarer Tag mitten im Oktober. „Das hatten wir schon anders, so um die Jahreszeit“, sagte ich mehr zu mir als zu meiner Wanderbegleitung.
Der warme Fels unter meiner Hand war rau und weich zugleich. Wenn ich meine Hand vom Fels nehme spürte ich die feinen Sandkörner daran. Zu gerne sitze ich auf diesen Felsen, lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen, den lauen Wind um die Nase wehen und meine Gedanken in die Weite ziehen. Viel zu selten habe ich ein Notizbuch dabei um diese Momente festzuhalten.
Im Nachhinein stellte ich fest, dass unterhalb des Prebischtors der Bergwanderweg EB9 verläuft – der Weg der Freundschaft von Eisenach nach Budapest. Ich habe das Buch „Club Druschba“ von Rebecca Maria Salentin (externer Link, Amazon, kein Affiliate) bereits gelesen und fühlte mich der Autorin für einen Moment verbunden. Ich war an einem Ort, an dem sie auch war. Meine Bewunderung für ihren Mut, ihr Durchhaltevermögen und ihre ganz persönliche Art und Weise von ihren Erlebnissen zu erzählen ist groß.

Es gibt zwei Wege zum Prebischtor zu gelangen. Beide liegen auf tschechischer Seite. Ein alter Wanderweg führte durch das später angelegte Kerngebiet der Sächsischen Schweiz und wurde somit für die Öffentlichkeit gesperrt.
Ein Weg führt von Hrensko zum Tor, der andere ist der Gabrielenstieg von Menzi Louka.
Wählt man den Weg von Hrensko durchquert man die Edmundsklamm. Nachdem man sich dieses Stück Natur zu Fuß erlaufen hat, endet der Weg irgendwann und man steigt in eine Gondel.
Diesen Weg kenne ich bisher nur aus Erzählungen und von Bildern. Viel zu oft habe ich mir diese Tour auf Komoot (externer Link, Komoot, kein Affiliate) nur angeschaut, nur um sie dann doch nicht zu gehen. Vielleicht war ich ein wenig zu emotional, denn an der Planung für diese Tour hängen einige Erinnerungen. Schöne, weniger schöne und vor allem die Angst von einem nahestehenden Menschen verletzt zu werden. Vielleicht habe ich eines Tages den Mut diese Gedanken hinter mir zu lassen und das Prebischtor auf diese Weise noch einmal zu besuchen.

Während ich auf dem warmen, rauen, weichen Felsen saß, kehrten meine Gedanken wieder zurück zu mir. Ich spürte Schwere und Leichtigkeit zur gleichen Zeit. In der Leichtigkeit schwang etwas Wehmut mit. Für heute ist es Zeit zu gehen. Doch ich weiß, ich werde zurück kommen.
(1) Wikipedia, Prebischtor, aufgerufen am 8.12.21, 18.40 Uhr
https://de.wikipedia.org/wiki/Prebischtor
