Ich erinnere mich nicht mehr genau an meine Gedanken vor dieser ersten Wanderung, die bis dato die längste in meiner Wanderergeschichte sein sollte. Vermutlich schwankten sie irgendwo zwischen Angst, Vorfreude, Zweifeln, Ehrfurcht, der Lust aufzubrechen und der Freude anzukommen. Woran ich mich hingegen noch genau erinnere: Wie hin und her gerissen ich zwischen all diesen Gefühlen war.

50 km Strecke sind eine lange Zeit, die man erst einmal bewältigen muss. Körperlich und geistig. Viel Zeit für viele Gedanken, viele Worte, vieles kann passieren.
In meinem Kopf gab es die Option aufzugeben und die Wanderung abzubrechen auf keinen Fall. Der unbedingte Wille ins Ziel zu kommen stand für mich an diesem Tag über allem.
Eine andere 50 km-Wanderung ein paar Wochen zuvor konnte ich wegen körperlichen Defiziten nicht antreten – ich hatte mich so leer gefühlt. Nicht anzutreten war eine schwere Entscheidung für mich, der sportliche Ehrgeiz hatte mich schon gepackt. Nicht nur das. Bis heute frage ich mich, ob mich diese Absage eine Freundschaft (oder mehr) gekostet hat. Auch diese Gedanken schwangen vor der Wanderung mit. Doch ich schob sie vorerst bei Seite: Heute – am 10.10.2020 – fühlte ich mich fit. Ich wollte es schaffen. Ich würde es schaffen. Hoffentlich. Das Mantra in meinem Kopf wiederholte sich immer wieder.
Ich wusste nicht, ob ich gut vorbereitet war. Wie gut kann man sich auf so eine Tour vorbereiten?!
Also ging es los – an einem Samstag. Meine emotionale Lage an diesem Tag ist wie das Wetter: ein wenig unklar, mit Aussicht auf Besserung. Wir – meine Wanderbegleitung und ich – starteten relativ spät. Wir hatten uns spät für die Wanderung angemeldet – also hatten wir noch die Auswahl zwischen zwei Startzeiten: 5.30 Uhr oder 9.00 Uhr. Wir entschieden uns für 9.00 Uhr.
Meine Gedanken waren zu diesem Zeitpunkt noch: wie lange kann man denn brauchen? Das wird schon werden. So schwer kann das ja nicht sein. Hoffentlich.
Wir fanden uns am Start ein und wurden fast direkt auf die Strecke geschickt. Wir waren wirklich knapp dran.
Es ging los: Schillerplatz, übers Blaue Wunder, den Veilchenweg nach oben zum 2. Steinweg über die Krügerstraße auf den Kuckuckssteig. Den Wachwitzgurnd hinunter. Auf Umwegen an der Agneshöhe vorbei – wegen einer Baustelle kommt man nicht am Aussichtspunkt vorbei.


Es ging weiter nach Pappritz, Niederpoyritz und nach Rockau. In Malschendorf kam der erste Checkpoint. Die Frage „Sind wir noch rechtzeitig?!“ begleitete uns den ganzen Tag. Mich beschlich langsam aber sicher das Gefühl, dass wir zu spät losgelaufen sind. Die freiwilligen Helfer auf der Strecke machten uns Mut: „Alles gut, ihr seid super in der Zeit!“
Reitzendorf, Zaschendorf, Wünschendorf, Ebersdorf, Dittersbach, Helmsdorf, Stolpen.

Die Zeit flog dahin. Die Kilometer … nicht. Ich hatte keine Relation, ob wir schnell oder langsam unterwegs waren. An den Checkpoints, die wir passierten, trafen wir andere Wandernde. Aber wir unterhielten uns nicht mit ihnen. Das Team der Laufszene war weiterhin zuversichtlich: wir seien gut in der Zeit, wir wären vor der Cut Off Zeit wieder auf der Strecke.
Während eines kleinen Tiefs, hatte ich mir den Wanderführer zu Gemüte gezogen und einen entsprechenden Abschnitt gefunden: Erreicht man den letzten Checkpoint nach 20:00 Uhr würde man nicht mehr auf die Strecke gelassen werden.
Macht Sinn: im Kerngebiet des Nationalparks Sächsischen Schweiz herrscht ab 22:00 Uhr Nachtruhe. Diese Regel wurde zum Schutz der Tiere und Natur eingeführt. Sinnvoll.
Für mich war diese Information im Moment einfach nur der Horror. Ich wollte diese Strecke aus eigener Kraft laufen, ich wollte ankommen. Mit Hilfsmitteln zum Ziel zu kommen, war nicht Teil meines Plans.
Diese Information pushte: weiter gehts!

Bergauf, bergab, über Feldwege, Straßen, Radwege, alte Betonstraßen…
Irgendwann – früher als mir lieb war und mitten im Wald – wird es dunkel. Die Stirnlampe hatte also, nachdem ich sie nach ewigem Suchen im viel zu großen Rucksack gefunden hatte, ihren ersten großen Einsatz. Die Strecke war nach wie vor gut markiert, sehnsüchtig wartete ich auf den letzten Checkpoint. Zeitweise waren wir allein auf der Strecke unterwegs, die gefühlt immer länger wurde. Durch die Dunkelheit hatte ich das Gefühl nicht wirklich vorwärts zu kommen. Mir fehlte die Orientierung. Auch Komoot und Wanderführer waren keine große Hilfe.



Heeselicht, Hohnburkersdorf. Rathenwalde.
Irgendwo dazwischen der letzte Checkpoint.
Die Stimmung dort war super – das Team der Laufszene war bester Laune, obwohl sie wahrscheinlich schon ewig da standen. Wir bekamen eine Tafel Schokolade geschenkt und wurden mit ermunternden Worten auf die Strecke gelassen: „Ihr habt es bis hier her geschafft, das letzte Stück schafft ihr locker!“
Auf dem letzten Stück überholten wir tatsächlich noch einige Wandernde. Ich war berauscht von dem Gefühl es wirklich geschafft zu haben, als am Ende 56 km und etwas mehr als 12 Stunden auf der Uhr standen. Eigentlich wären es 51 km gewesen. Trotz der sehr guten Markierung hatten wir es geschafft zwei Mal falsch abzubiegen – selbst Schuld, wenn man die Nase derart tief in den Wanderführer steckt.
Aber selbst das war mir in diesem Moment egal. Die ganze Anspannung des Tages fiel von mir ab. Wir waren tatsächlich da. Von Dresden nach Rathen, mit Höhen und Tiefen.
Während ich noch dachte „Sowas mache ich nie, nie wieder!“ füllte ich schon die Anmeldung für den nächsten 50km Adventure Walk in der Sächsischen Schweiz aus.
