Wanderung: Kuhstall – Heilige Stiege – Carolafelsen – Bussardboofe

Oder: Wie mir eine Ratte den Schlaf raubte. 

Ich sitze hier, in meiner Wohnung. Neben mir eine Schüssel mit Nudeln, Käse und Honig Senf Dressing. Gewagte Mischung – ich weiß. Aber Not macht erfinderisch. Denn: Etwas anderes war nicht auffindbar und um zum Döner um die Ecke zu laufen, fehlt aus verschiedenen Gründen die Motivation.
Langsam nimmt mein Essen die Temperatur des Raumes an. Meine Gedanken sitzen in einer Höhle im Sandstein.

Der Himmel war in eine zarte Mischung aus Rosé und feinem Blau getaucht. Kleine Zuckerwattewölkchen schwebten hinter dem rund gespülten und doch schroffen Steinmassiv, das die Bäume umsäumte. Ein lauer Wind wehte, der pfeffrige Geruch warmer Tannennadeln lag darin. Lose Gesprächsfetzen, in denen die heutigen Touren ausgewertet wurden, nahm ich nur halb wahr. Ich ließ meinen Blick in die Weite schweifen und beobachtete, wie der Fels im Sonnenuntergang rot zu leuchten begann. Alpenglühen. Wunderschön. Ich wünschte, der Moment dauerte etwas länger als nur einen Wimpernschlag.

Im Angesicht dieses Naturschauspiels schienen die Anstrengungen, die wir unternahmen um an diesen Ort zu gelangen, auf ein Minimum zu schrumpfen. Und die waren nicht ohne.

Der Tag begann viel zu früh. Aber der Rucksack musste noch packt werden. Ich schwankte zwischen „Das bekomme ich niemals alles weg.“ und „Brauche ich das wirklich?“ Im 40l Rucksack stapelten sich auf kleinstem Raum effektiv die wichtigsten Dinge für meine erste Nacht in einer Boofe ( = Höhle in der Sächsischen Schweiz, in der es ausdrücklich gestattet ist zu übernachten.) Schlafsack, Isomatte und Kletterschuhe befestigen – noch schnell ein Bild für Instagram aufnehmen. „F*ck, ist das schwer! Brauche ich das Kilo Erdnüsse wirklich?!“, danchte ich beim Anheben.

Zum Glück trugt das Auto den Rucksack die ersten 44 km von Dresden nach Schmilka. Eine Kaffee- sowie Frühstückspause und Parkplatzsuche (Tagesgebühr wie immer: 5,00 €) später wurde es ernst: Die Flip Flops wurden gegen die Wanderschuhe getauscht und der Rucksack geschultert. Ab in den Wald. Endlich durchatmen. Meine Augen freuten sich auf die gedämpften Farben, über das Grün und auch über die Weite der Aussichtspunkte. 

Auf dem Parkplatz in Schmilka starteten wir. Der Einstieg in unsere Route lagt etwas ab vom Parkplatz. Wir waren (mal wieder) etwas spät dran und mussten deswegen ein wenig suchen. Aber: wir hatten Glück. 

Die Route führte uns in Richtung des Großen Winterberges – allerdings bogen wir zuvor Richtung Kuhstall ab. Dort legten wir eine kleine Pause ein. Es gab Eis und der Vorrat für das vergessene Wanderbier wurde aufgefüllt. 

Vorbei am Kleinen Winterberg – natürlich inklusive Hüpfer – ging es weiter zur Heiligen Stiege. Die Anstrengungen lohnten sich. Die Aussicht vom Carolafelsen ist atemberaubend. Wie immer. Ich komme gern an diesen Ort, sitze einfach hier und lasse meinen Blick über die Felsen, Berge und Dörfer wandern.

Nachdem man den ganzen Tag im Wald verbracht hat und der Blick nie weiter als fünf Meter schweifen konnte, tut die Weite, die wir nun sahen unglaublich gut. 

Vom Carolafelsen ist es nicht mehr weit bis zu unserem Nachtquartier. Die Bussardboofe hatten wir uns ausgeguckt. Und mit diesem Nachtdomizil sind wir nicht allein. Die Boofe ist gut besucht – mit 15 anderen Menschen teilten wir das Nachtlager. Bestimmt waren auch noch die ein oder anderen Waldbewohner da – von einem nächtlichen Besucher berichte ich euch später noch. Es wurde die erste Nacht in der Wildnis der Sächsischen Schweiz für mich. Ich nahm es erstaunlich gelassen hin, war kaum nervös und freute mich darauf.

Wir suchten die Boofe an Hand der Koordinaten. Sie liegt etwas höher und gut versteckt. Von Unten ist sie nicht zu sehen. Wären nicht schon andere Besucher da gewesen, hätten wir vermutlich noch länger gesucht. Aber: die Suche wurde belohnt. 

Das Abendessen – Tofu und Süßkartoffel – gab es in einer einmaligen Atmosphäre. Pünktlich zum Abschlussbier tauchte sie untergehende Sonne den warmen Fels in glühendes, rotes Licht. 

Die Nacht war viel heller, als ich erwartet hatte. Ich war wirklich überrascht, wie hell so eine Nacht im Freien ist. Man sah die Lichter der umliegenden Dörfer. Sie funkeln wie kleine Kristalle in der Ferne. Sterne, die am Boden leuchten. Und die gab es extra noch: Die Sterne. Sie leuchteten hell und auch der abnehmende Mond leuchtete in einer wolkenfreien Nacht vom Himmel.

Der Wecker klingelte um 4.30 Uhr. Ich war bereits eine gute Stunde wach, hatte beobachtet, wie die Dunkelheit langsam schwand. Aber es war noch nicht richtig hell – es dämmerte. 

Die Nacht war unruhig. Beim Boofen hängt man die Müllbeutel nach oben, damit sich keine kleinen Wildtiere durch die Beutel fressen oder sich darin verheddern während sie nach Essensresten der münden Wanderer suchten. Es hielten sich alle vorbildlich daran. Allerdings gab es da diese schlaue Ratte, wir „die Boulder-Ratte“ nannten. Sie kletterte in einen der hängenden Müllbeutel, angezogen von den Resten eines Trekkingburgers. Es dauerte eine Weile, bis das Geräusch geortet wurde und sich durch die schlafenden Wanderer ein Weg gebahnt wurde. Die Ratte – froh über ihre wieder gewonnene Freiheit – wird wohl den gleichen Fehler nicht noch einmal machen. 

Ungefähr 4.40 Uhr schulterten wir die Rucksäcke, die nur schnell zusammengepackt waren. Zum Sonnenaufgang um ca. 5.00 Uhr wollen wir am nahen Carolafelsen sein. Die Zeit am Schild wird mit 17  Minuten Gehzeit ausgeschrieben. Wenn ich mich recht erinnere, haben wir die Strecke in 12 Minuten zurück gelegt. 

Die Weite vor uns, die ersten wärmenden Strahlen, die klare Luft – der erste Kaffee des Tages. Frühstück gibt es direkt am Felsen. Mit einer Aussicht, die man gesehen haben muss. Aber ich glaube, an dieser Stelle wiederhole ich mich bereits.

Zeit für das ein oder andere tolle Foto gab es natürlich auch noch bevor wir den Abstieg zurück zum Parkplatz begannen.

Dieser führte uns vom Carolafelsen über den Reitweg zurück nach Schmilka. Ich weiß nicht, wie spät es war, als wir im Auto sitzen und die Heimfahrt antraten. Im Nachhinein wünschte ich mir, wir hätten den Tag noch in der Natur verbracht. Aber der Zeitplan der Mitwandernden gibt etwas anderes vor. Ich nahm mir vor, das nächste Mal mehr Zeit einzuplanen.

Es ist ein merkwürdiges Gefühl, viele Wanderer kamen grade erst an. Wir fahren in die entgegengesetzte Richtung. Ich bin überrascht von dem, was ich in der Lage war zu leisten. Der schwere Rucksack – er wog um die 45 kg, die Wanderstrecke um die 20 – 25 km. Das draußen sein, die Übernachtung in der Höhle. So viele erste Male, die ich an diesem Wochenende erlebte. So viele Eindrücke, die in meinem Kopf schwirrten und die ich jetzt grade verarbeitete. Natürlich habe ich 1 kg Erdnüsse vollkommen umsonst mitgenommen. Aber das ist eine andere Geschichte….

Ob ich das nochmal machen würde? Unbedingt! 

Ich freue mich auf die nächste Tour. (Hab da schon was im Kopf. Stichwort: Malerweg.)

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